Ecuador – Mitad del Mundo

Die Mitte der Welt

 

Auf einer so langen Reise benötigt man (oder vielleicht auch nur ich) zur Motivation immer wieder einmal einen Meilenstein auf dem Weg zum Ziel. Der erste große Meilenstein dieser Art war für mich die Überquerung des Panama-Kanals, denn wenn ich aus irgendeinem Grund meine Reise hätte unterbrechen müssen, dann wäre ein Neustart in Kolumbien eine Option gewesen. Dieses Meilenstein habe ich – wie berichtet – gemeistert. Das nächste Etappenziel war der Äquator. Noch nie habe ich diese imaginäre Linie auf dem Globus auf dem Landweg, geschweige denn mit dem Fahrrad, überquert. Mit dem Erreichen der Grenze zwischen Kolumbien und Ecuador bin ich dieser Wegmarke schon sehr nahe.

 

Die Panamericana ist wie schon in Kolumbien auch in Ecuador zu großen Teilen eine Mautstraße, wobei Radfahrer nichts bezahlen müssen. Es bedeutet allerdings gleichzeitig, dass man auf hervorragenden Straßen unterwegs ist, die bis in die Straßenränder tiptop gepflegt sind. Gleiches gilt auch für die ersten Orte, durch die ich in Ecuador komme. 

Meine erste Nacht im zwölften Land der Reise verbringe ich in Ibarra. Die Stadt wird mir auch deswegen in Erinnerung bleiben, weil ich am Ortseingang eine kurze, aber sehr steile Steigung hinaufschieben muss und dabei meine Fahrradsandale zerstöre, die ich seit Vancouver täglich getragen habe.

 

 

Nach nur 13.000km schon kaputt... 

 

Ich weiß nicht, ob es an der Höhenlage der Orte hier in den Anden und der damit verbundenen nächtlichen Kälte liegt, aber das öffentliche Leben unterscheidet sich komplett von dem, was ich in Mexiko und Mittelamerika erlebt habe. Dort verlassen die Menschen nach Einbruch der Dunkelheit ihre Häuser und beleben die Innenstädte bis tief in die Nacht. Ibarra hingegen, wie ich es auch in anderen Orten hier in Ecuador bis hin zur Hauptstadt Quito erlebe, wirken die Straßen und Plätze gespenstisch leer. Wegen einer hartnäckigen Erkältung bleibe ich einen Tag länger in dem schmucken Städtchen, und auch am Sonntag wirkt es wie ausgestorben und es fällt schon fast schwer, irgendwo eine warme Mahlzeit oder einen Kaffee zu bekommen. Nur die zahlreichen Kirchen sind vormittags gut gefüllt.

 

Die Erkältung kann ich nicht an einem Tag auskurieren, und so fällt es mir schwerer als sonst, die langen Steigungen zu fahren. Aber der Äquator ist zur Motivation in greifbare Nähe gerückt. Am 2. März erreiche ich 18.300 km nach meinem Start in Alaska in Cayambe den Mitad del Mundo – die Mitte der Welt. Es ist nicht das große Denkmal in der Nähe der Hauptstadt, sondern ein viel ruhigerer Ort direkt an der Panamericana mit dem Museo Solar Quitsato. Ich zahle fünf Dollar Eintritt und habe den Ort ganz für mich allein. Eine in den Boden eingelassene Schiene markiert den Äquator und gleich zwei Plaketten unterschiedlicher wissenschaftlicher Institute bestätigen, dass dies tatsächlich die Nulllinie verläuft, anders als bei dem großen Denkmal am Stadtrand der Hauptstadt, das den Äquator um 240 Meter verfehlt. In der Mitte des Platzes steht eine große Säule, die als Zeiger einer großen Sonnenuhr fungiert und am 21. März, wenn die Sonne senkrecht über dem Äquator steht, für einige Minuten keinen Schatten wirft. Äquatortaufe ohne Sekt und Bier und trotzdem ein ganz besonderer Moment auf meiner Reise. Mein Ziel liegt 54 Breitengrade südlich von hier.

 

 

Kurz vor Frühlingsanfang steht die Sonne fast senkrecht über dem Äquator und man kann sich mal in den eigenen Schatten stellen

 

Nur wenige Meter neben dem Äquator übernachte ich und fahre am nächsten Tag nach Quito, der höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Die Stadt wird von zahlreichen tiefen Schluchten durchzogen. Mein Ziel ist das historische Zentrum, das als erste Stadt überhaupt in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Wie üblich, quartiere ich mich für zwei Nächte direkt im Zentrum in ein Hotel ein, um von hieraus die Umgebung zu erkunden. Vorher ist allerdings noch ein Haarschnitt überfällig und ich staune, mit wieviel Akribie meine lichten Haare für ganze vier Dollar in eine ansehnliche Form gebracht werden.

 

 

Viele alte Häuser aus der spanischen Kolonialzeit prägen das Bild der Altstadt, herausragend im doppelten Wortsinne sind allerdings die zahlreichen Kirchen, die sich in ihrer zumeist barocken Pracht einen Überbietungswettbewerb liefern. Prunkstück dieser sakralen Gebäude ist allerdings unumstritten die Iglesia de Compañia de Jesús, die mir ein Fremdenführer vom Dach mit der Kuppel bis in die Krypta erklärt. Hierzu nur so viel: Der Innenausbau hat 110 Jahre gedauert und ist mit ca. 75kg Gold praktische komplett vergoldet! Da kann auch die ebenfalls prächtige Iglesia Católica San Fransisco mit Museum nicht mithalten.

 

 

 

Die Regierungsgebäude im historischen Zentrum werden durch eine schwerbewaffnete Polizei- und Militärpräsenz geschützt. Auch sonst ist sehr viel Polizei unterwegs und gleich zweimal werde ich von der Touristenpolizei angesprochen, mich vorsichtig zu verhalten, weil sich hier viele Diebe auf ihre Chance warten.

 

Nach zwei Nächten verlasse ich das Stadtzentrum und fahre in ein Hotel nahe des internationalen Flughafens von Quito, den zum dritten Mal auf meiner Reise bekomme ich Besuch von Susanne, und wir haben für die nächsten zwei Wochen ein Programm gebucht, das uns in drei unterschiedliche Gebiete Ecuadors abseits der Panamericana führt.

 

 

 

Am Tag nach Susannes Ankunft werden wir von unserem ersten Guide, der den etwas ungewöhnlichen Vornamen Andersson trägt, in unserem Hotel abgeholt, wo ich mein Fahrrad und das Gepäck für 14 Tage einlagere. Zuerst geht es obligatorisch zum Äquator. Aber auch diesmal besuchen wir nicht das große Denkmal, sondern unmittelbar daneben das Museo de Sitio Intiñan, das direkt auf dem Äquator liegen soll und in dem den Besuchern Informationen über den Äquator im Besonderen und Ecuador im Allgemeinen fast schon kindgerecht nähergebracht werden sollen.

 

 

Danach fährt Andersson mit uns zu seinem eigenen Grundstück, wo er die ehemalige Rinderfarm seines Vaters aufgeforstet und eine Futterstelle für Vögel angelegt hat. Auf einer überdachten Terrasse beobachten wir geschützt vor dem strömenden Regen aus nächster Nähe zahlreiche exotische Vögel, wobei die vielen verschiedenen Kolibris die absoluten Stars des Tages sind.

 

 

 

Die nächsten Tage verbringen wir in der Naturlandia EcoLodge in der Nähe von Puerto Quito, die dem 82jährigen Seniorchef unseres Reiseveranstalters gehört, der hier auch das Programm gestaltet, denn wir sind die einzigen Gäste in der weitläufigen Anlage. Bei einem Besuch einer Wildtierauffang- und Auswilderungsstation kommen wir den Tieren, die verletzt oder aus illegalen oder tierquälerischen Privathaltungen hierhergebracht werden, bis auf Tuchfühlung nahe, denn viele der Tiere sind an Menschen gewöhnt und bleiben auf Dauer hier, da sie in freier Wildbahn nicht mehr überleben würden. Eine anschließende Wanderung im Regenwald bringt uns dann mit der „echten“ Natur in Kontakt, allerdings stehen hierneben der pflanzlichen Vielfalt die Kleinen im Mittelpunkt: Spinnen, Raupen und vor allem die kleinen giftigen Erdbeerfrösche.

 

 

 

Der nächste Tag beginnt mit Torte und einem Geburtstagsständchen für Susanne. Danach steht der Tag ganz im Zeichen des Kakaoanbaus und seiner Verarbeitung. Wir besuchen eine kleine Plantage, die unserem Gastgeber gehört und wo er nach eigener Darstellung neben der Kakaoproduktion auch den Regenwald wieder aufforstet. Der Faktencheck könnte aber kaum ernüchternder ausfallen, denn offenkundig wurde hier erst vor kurzem ein Stück Regenwald gerodet, um weitere Kakaosträucher zu pflanzen – von Aufforstungen ist weit und breit nichts zu sehen. Darauf angesprochen, wird uns erklärt, dass so eine Plantage wirtschaftlich arbeiten müssen und schließlich lasse er ja noch einen Teil des Waldes stehen, während andere alles roden… Abgerundet wird der Tag dann mit einem Besuch bei einem „echten“ Schamanen aus dem Volk der Tsáchlias. Er wirkt wenig motiviert, seine Show vor nur zwei Touris zu zelebrieren, denn die zahlreichen Werbetafeln im Dorf legen nahe, dass diese Vorführungen ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells der Gemeinschaft sind.

 

 

 

Es geht zurück nach Quito und von dort mit einem kurzen Inlandflug nach Coca im östlichen Ecuador. Unser Guide Eddy ist Angehöriger des Kichwa-Volkes und bringt uns nach Limoncocha am Rand des Yasuni-Nationalparks, der Teil des gigantischen Amazonas-Einzugsgebietes ist und der größte Nationalpark des Landes. In die Dämmerung geht’s in die Dämmerung auf einen nahen See, wo viele Vögel und auch der eine oder andere Kaiman vor die Kamera kommen. Highlight des Ausflugs ist aber das Lichterspiel, dass tausende von Glühwürmchen nach Einbruch der Dunkelheit in der Ufervegetation entfalten.

 

 

Um 05.00 Uhr beendet der Wecker die Nacht in der sehr, sehr schlichten „Tucan Lodge“. Nach dem Frühstück brechen wir um 06.00 Uhr noch in der Dämmerung auf und fahren zum Rio Napo. Der Fluss ist hier schon mehrere hundert Meter breit und mündet irgendwo in den Amazonas. Mit einem Langboot fahren wir ca. zwei Stunden stromabwärts. Das Ziel der Fahrt ist eine Lehmlecke unmittelbar am Ufer des Flusses, wo sich morgens dutzende Papageien unterschiedlicher Arten sammeln, um für sie lebenswichtige Mineralien aufzunehmen. Ein faszinierender Anblick. Unweit dieser Abbruchkante sehen wir dann auch noch eine Familie roter Brüllaffen, die dort hoch oben in einem Bambus in den Tag döst. Einen Blick über das Kronendach des Regenwaldes genießen wir von einem 43m hohen Aussichtsturm. Die Bewohner der Baumkronen lassen sich aber leider nicht blicken.

 

 

 

Die Fahrt auf dem Rio Napo macht allerdings auch deutlich, dass der Urwald hier nicht mehr so ganz unberührt ist, denn uns begegnen zahlreiche Schubverbände, die hauptsächlich Tanklastwagen zu den Ölfeldern im Dschungel bringen, um diese mit Treibstoff zu versorgen, denn immerhin gibt es noch keine Straßenverbindungen. Die Ölförderung im und um den Nationalpark sorgt auch immer wieder für Kritik und Konflikte zwischen den Konzernen, Naturschützern und der indigenen Bevölkerung.

 

 

 

Uns erwartet auf der Rückfahrt noch einmal ein typisches Touristenprogramm: Kochen mit den Frauen eines Kichwa-Dorfes, wo wir unter Anleitung ein traditionelles Essen, bestehend aus einem Palmherzensalat, in Blättern gebackenem Fisch, gerösteten Bananen, Yucca und Kakaobohnen zubereiten. Der kulinarische Höhepunkt sind allerdings lebende Maden, die sich von Palmherzen ernähren – vier bis fünf Zentimeter lang und fast zwei Zentimeter dick. Obwohl ich auf Reisen sonst alles probiere, stoße ich hier angesichts der Bewegung dieser Viecher an meine Grenzen. Einzig Eddy greift zu und tötet eine Made, in dem er ihren Kopf zerdrückt, bevor er sie in den Mund steckt. Gegrillt ist meine Hemmschwelle deutlich geringer und so zubereitet schmecken sie sogar ganz gut.

 

 

Auch das war Teil des Kitchwa-Programms - Fotos von mir unterliegen dem Recht am eigenen Bild

 

In den Bäumen des Dorfes lebt eine Familie Zwergseidenäffchen, die kleinsten Affen der Welt, die gerade einmal 85 – 140g schwer werden und sich überwiegend von Baumsäften ernähren. Unter Anleitung entdecken wir hoch oben im Baum sogar ein Exemplar und mit ein bisschen Glück und einem langen Tele gelingt sogar eine ganz passable Aufnahme.

 

 

Das Zwergseidenäffchen - der kleinste Affe der Welt

 

Am nächsten Morgen heißt es wieder sehr früh aufstehen. Noch einmal geht es über den Rio Napo. Auf der anderen Seite werden wir von einem altersschwachen Lkw aufgenommen, wobei wir den „Luxus“ genießen, im Führerhaus Platz nehmen zu dürfen und uns so die etwa 30km lange Fahrt über eine Schotterpiste auf der Landefläche oder auf einem Holzbrett zwischen Fahrerkabine und Ladefläche erspart bleibt. Ziel ist ein kleines Dorf am Rio Tiputini, wo ein Boot für uns klar gemacht und der mitgebrachte Außenborder am Heck montiert wird. Über Stunden geht es auf dem Urwaldfluss stromabwärts auf der Suche nach Flussdelfinen, von denen es hier zwei verschiedene, vom Aussterben bedrohte Arten gibt. Nach ca. vier Stunden Fahrt ohne besondere Erlebnisse (bis auf einige Schildkröten, Affen hoch oben in den Bäumen und ein paar Vögeln am Ufer) landen wir in einer Flussbiegung an. Hier gibt es nicht nur einen Mittagsimbiss, sondern hier können wir auch (vermutlich) drei Flussdelfinen beim Atmen zusehen. Es sind tatsächlich immer nur wenige Sekunden, in denen die Tiere an die Wasseroberfläche kommen. Dafür halten sie sich hier regelmäßig auf und deswegen ist hier auch der Wendepunkt unseres Ausflugs auf dem Rio Tiputini. Den Rückweg treten wir in einem Tropengewitter mit einem starken Regenschauer an und so ist mit dem Wasserschöpfen vom Boden des Bootes auch für Beschäftigung gesorgt. Bei Dunkelheit kehren wir in unsere Herberge zurück und fliegen am nächsten Morgen zurück nach Quito, wo wir den Nachmittag dazu nutzen, uns die Altstadt gemeinsam anzusehen, wo wegen einer bevorstehenden Demonstration ein sehr starkes und schwerbewaffnetes Polizei- und Militäraufgebot Straßen und Plätze rund um das Regierungsgebäude schützt.

 

 

Galapagos

 

Mit der letzten Etappe unserer gemeinsamen Zeit in Ecuador erfüllen wir uns einen lange gehegten Wunsch: Den Besuch der Galapagos Inseln. Mit drei Übernachtungen viel zu kurz, um alles zu sehen, aber für einen Eindruck von diesem weltweit einzigartigen Naturparadies soll es reichen. Vor dem Besuch sind allerdings erst einmal zahlreiche bürokratische, finanzielle und sicherheitstechnische Hürden zu überwinden. Gleich zweimal muss man sich online registrieren, bevor man die Inseln betreten darf und ohne die elektronische Bestätigung hierfür läuft nichts und die bekommt man wiederum nur, wenn man 20 Dollar überwiesen hat. Neben der üblichen Sicherheitskontrollen am Flughafen wird das Gepäck zusätzlich durchleuchtet, um mögliche Lebensmittel zu finden, deren Einfuhr nicht erlaubt ist. Bei der Ankunft auf dem Flughafen der Insel Baltra wird das gesamte Gepäck zusätzlich von einem Drogenspürhund abgeschnüffelt und es sind 200 Dollar in bar „Eintrittsgeld“ pro Person zu entrichten. Von der Isla Santa Cruz geht es mit einem Speedboot (mit fünf Außenbordern) zwei Stunden über den offenen Pazifik zu unserem Ziel für die nächsten zwei Tage auf der Isla Isabela. Aber bevor wir dort die Hafenmole verlassen dürfen, wird unser Gepäck noch einmal geöffnet und von Hand durchsucht. Die Isla Isabala ist die größte Insel des Archipels und zu einem großen Teil für jeglichen Besuch gesperrt. Hier ist der Massentourismus noch nicht ganz so stark angekommen, wie auf der Isla Santa Cruz. Aber man darf sich auch nichts vormachen. Die Exklusivität der Galapagos Inseln hängt in erster Linie am Preis, nicht daran, dass hier nur wenige Menschen herkommen.

 

Nichtsdestotrotz sind Flora, Fauna und Landschaft absolut faszinierend, auch wenn wir nur eine Bruchteil gesehen haben. Auf meiner Wunschliste ganz oben standen die Meeresechsen, die es nur hier gibt. Und dann liegen diese urzeitlich wirkenden Echsen überall auf Kaimauern, Gehwegen und Stegen herum, um sich in der Sonne aufzuwärmen und man muss aufpassen, nicht auf sie zu treten. Genauso geht es mit den Seelöwen, die auf und unter den Sitzbänken in den Häfen und Promenaden oder sogar in Hauseingängen im Schatten dösen und sich durch nichts und niemanden stören lassen. Eine Schnorcheltour zu den attraktiven Unterwasserplätzen ist zeitlich nicht drin, aber beim Baden mit Schnorchel und Brille in einer kleine Bucht in der Nähe des Hafens der Isla Isabela bin ich plötzlich mitten in einem Schwarm großer, bunter Papageienfische und kurz darauf entdecke ich aus nächster Nähe eine riesige Meeresschildkröte, die die Algen abweidet.

 

 

 

Die Galapagos Inseln sind vulkanischen Ursprungs und zahlreiche aktive Vulkane prägen das Landschaftsbild. Wir unternehmen eine geführte Wanderung – ohne einen örtlichen Naturführer geht auf Galapagos nichts – auf den Vulkan Sierra Negra, dessen Krater mit ca. zwei Kilometern Durchmesser zu den größten der Erde zählt, wobei der Nebenkrater, der Vulcan Chico, viel bizarrer und interessanter wirkt.

 

 

 

Nach nur zwei Nächten auf der Isla Isabela kehren wir sehr früh morgens mit dem Speedboot zur Isla Santa Cruz zurück. Der Tag steht ganz im Zeichen der Riesenschildkröten von Galapagos. Zuerst besuchen wir die Charles Darwin Forschungsstation, die sich neben der Erforschung der Pflanzen- und Tierwelt auch die Erhaltung der verschiedenen Riesenschildkrötenarten durch Aufzucht und Auswilderung auf die Fahnen geschrieben hat, von denen einige bereits ausgestorben, andere gefährdet sind und wiederum andere geradezu massenhaft auftreten. Davon können wir uns am Nachmittag bei dem Besuch auf einer Hacienda überzeugen. Sie sind überall. Auf den Weiden zwischen den Rindern, auf der Straße (wo sie selbstverständlich Vorrang haben) und in dem weitläufigen, parkartigen Gelände um die Gebäude der Hacienda. Wir können uns als Voyeure sogar zwei Paaren beim Liebesspiel zusehen und -hören! 8.000 – 10.000 Exemplare dieser Art gibt es auf der Isla Santa Cruz!

 

 

Lonesome George - er war der letzte seiner Art

 

Der Urlaub von der Reise und unsere gemeinsame Zeit in Ecuador nähert sich dem Ende. Von Galapagos fliegen wir zurück nach Quito, wo ich mein Fahrrad mit den von Susanne mitgebrachten Ersatzteilen fit für die nächsten Monate in Südamerika mache und meine Tasche mit warmen Sachen für die Höhen der Anden vollstopfe. Auch wenn der Abschied schwerfällt, habe ich mein Ziel noch lange nicht erreicht. Zwei Wochen im Tiefland von Ecuador und auf Meeresniveau auf den Galapagos Inseln haben meine Gewöhnung an die Höhe stark in Mitleidenschaft gezogen und die nächsten Tage in Richtung Süden spüre ich bei den langen Anstiegen deutlich, wie dünn die Luft hier oben ist und das Herz schlägt auch wesentlich schneller als sonst. Da ich die nächsten Wochen in den Bergen bleiben werde, wird sich der Körper auch wieder darauf einstellen.

 

 

Wie auch andere Staaten in Mittel- und Südamerika hat Ecuador ein massives Kriminalitätsproblem. Betroffen sind vor allem vier Provinzen im Westen des Landes zwischen Quito und Guayaquil, in denen zurzeit Ausnahmezustand mit nächtlichen Ausgangssperren herrscht und nach Medienberichten vom Präsidenten 75.000 Soldaten in dieses Gebiet entsandt wurden. Auch deswegen fahre ich weiter östlich und bleibe der Panamericana treu, die hier auch als die Straße der Vulkane genannt wird. Täglich sehe ich mehrere Vulkane, wie z. B. den Cotopaxi, den Cayambe oder den Chimborazo, gleichzeitig aus unterschiedlichen Perspektiven und trotz der unmittelbaren Nähe zum Äquator sind einige wegen der Höhe von um 6000m vergletschert und gleichen mit ihrer perfekten Kegelform Vulkanen aus dem Bilderbuch. Ich hatte wohl schon wiederholt erwähnt, dass ich meinen Knien Bergwanderungen erspare, von Bergsteigen überhaupt nicht zu reden, und deswegen will ich sie eigentlich einfach links und rechts liegenlassen. In Urbina, etwas abseits der Panamericana finde ich ein überraschend gepflegtes und preiswertes Hostal mitten im Nichts mit Blick auf den Chimborazo, dem mit 6267m höchsten Berg Ecuadors. Ich bin noch nicht ganz vom Fahrrad abgestiegen, da werde ich von den einzigen anderen Gästen, Paula, Sabine und Dave auf Deutsch angesprochen, wobei Paula bereits seit 35 Jahren in Ecuador lebt, Sabine hier eine eigene Firma hat und auch seit sehr langer Zeit mehrmals im Jahr für einen Monat herkommt, und Dave für drei Monate hier ist, um Spanisch zu lernen. Sie sind auf einem Wochenendtrip auf Quito hier und laden ich ein, sie am nächsten Tag zum Chimborazo zu begleiten. Unverhofft kommt oft – und ich entschließe mit spontan, die Einladung anzunehmen und einen ungeplanten Ruhetag einzulegen. Zu viert starten wir am nächsten Morgen warm eingepackt und fahren mit dem Auto um den Berg herum zu einem Parkplatz auf 4800m Höhe (der Mont Blanc ist 4806m hoch!). Es ist Wochenende und der Berg ruft – und Hunderte folgen bei idealen Wetterbedingungen diesem Ruf mit Bussen oder Pkw und eine Gruppe junger Rekruten läuft die Strecke sogar nach oben. Nachdem man sich registriert hat, geht es zu Fuß weiter und man passiert gleich zu Beginn eine Stelle mit vielen Gedenksteinen und -plaketten für Menschen, die hier am Berg ums Leben gekommen sind. Vorbei an zwei Hütten gehen wir wegen der dünnen Luft mit vielen Pausen bis an die Schneegrenze. 5144m weist der Höhenmesser am Smartphone aus, so hoch war ich noch nie! Den Tag runden wir mit einem gemeinsamen Mittagessen in einem sehr schicken Restaurant in Riobamba ab. Vielen Dank an euch Drei für dieses unerwartete Erlebnis.

 

 

 

 

 Ich folge weiter der E35 und obwohl die Steigungen auf den Hauptstraßen weitgehend entschärft sind, geht es immer wieder lange bergauf und nahezu täglich fahre ich in weit über 3000m Höhe mit grandiosen Ausblicken in die Täler, zeitweise über den Wolken, manchmal auch in den Wolken – und dann wird es schnell eisig kalt. Wie schon auf meinem Weg durch Kolumbien, kommt es hier sehr häufig zu Erdrutschen und Steinschlägen entlang der Straßen. Und einmal hat es mich direkt erwischt. Einem menschlichen Bedürfnis folgend, biege ich von der Hauptstraße ab und erleichtere mich nichts Böses ahnend am Straßenrand, als ich plötzlich von einem Stein am Arm getroffen werde, der sich aus dem Steilhang gelöst hat. So schnell es in so einer Situation geht, verschwinde ich mit meinem Rad aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich, denn es rutscht noch weiteres Geröll nach. Zwei Tage schmerzt die Prellung am Unterarm, zum Glück ist nicht mehr passiert. Merke: Beim Pinkeln nie den Fahrradhelm abnehmen!

 

In der Nähe von El Tambo ist der Abstecher nach Ingapirca ein Muss. Es sind die bedeutendsten Inka-Ruinen des Landes, obwohl sie einem Vergleich mit den Ruinen, die ich auf einer früheren Reise in Peru gesehen habe, nicht standhalten. Was diese Ausgrabungsstätte aber so besonders macht, ist das Zusammentreffen von zwei Kulturen, nämlich der aus dem Süden kommenden Inka und der schon sehr viel länger hier lebenden Cañari, die hier ihre Hauptstadt hatten und von den Inka vernichtend geschlagen wurden.

 

 

 

Inzwischen bin ich in Cuenca, der heimlichen Kulturhauptstadt des Landes mit seiner sehr schönen Altstadt angekommen und werde mich hier noch ein wenig umsehen, bevor ich mich weiter auf den Weg Richtung Peru mache. Ich werde berichten.  

Und zum Abschluss dieses Berichts noch ein ganz wichtiges Thema für jeden Radfahrer: Das Essen unterwegs...

 

 

Von Ecuador nach Peru

 

Die Nacht bevor ich nach Cuenca aufgebrochen bin, habe ich in Azogues im Hotel „El Che“ verbracht. Der Name ist Programm. Das ganze Haus gleicht einem Museum für den südamerikanischen Freiheitkämpfer Che Guevara. Passend dazu der Hotelbesitzer, ein glühender Anhänger der Gedanken von Che Guevara, der mit seinen 72 Jahren, dem langen Bart und der Camouflagehose allerdings dem Aussehen von Fidel Castro sehr nahekommt. Irritierend ist aber die Waffe, die er am Gürtel trägt. Da auch an den Wänden einigen Waffen hängen, kann ich mir die Frage nicht verkneifen, ob es eine scharfe Waffe ist, und zum Beweis zieht er die Pistole auf offener Straße aus dem Holster und entnimmt das Magazin, das bis zum Anschlag aufmunitioniert ist. Er ist ein freundlicher Mann, mit dem man sich gut unterhalten kann, aber dafür fehlt mir jedes Verständnis und die Notwendigkeit kann ich mir auch nicht erklären.

 

 

Der Hotelbesitzer schätzt, dass ca. 400 Bilder von Che Guevara in seinem Haus hängen

 

Cuenca gilt mit seiner historischen Altstadt und dem bunten Gemisch vieler unterschiedlicher Baustile als eine der schönsten Städte Ecuadors und darüber hinaus als die heimliche Kulturhauptstadt des Landes. Zusammen mit dem milden Klima sind das alles Gründe, weswegen sich hier viele Menschen aus Nordamerika und Europa niederlassen, was man sowohl an den Preisen in den schicken Cafés und Restaurants merkt und auch an den Preisen für Unterkünfte. Es gibt aber auch genügend kleine Hostels, wo man zu landesüblichen Preisen – also um 15 Euro pro Nacht – mitten in der Altstadt unterkommen kann. Wie so häufig beschränke ich mich darauf, Eindrücke von der Stadt zu sammeln, die sich kaum in Bildern hinreichend wiedergeben lassen. Und sie ist wirklich schön und vielfältig und durch die vier Flüsse und deren Täler stark untergliedert. Bei den Kirchen beschränke ich mich in Cuenca auf die Kathedrale, eine der größten in ganz Südamerika, deren Fassade komplett aus Ziegelsteinen besteht – könnte daher auch ganz gut in Norddeutschland stehen. Von innen nicht so pompös wie die Kirchen in Quito, dafür ist die Größe des Innenraums schier überwältigend.

 

 

 

Bei meinem Streifzug durch die Stadt komme ich mit einer Frau ins Gespräch, die in einer Film- und Werbeagentur arbeitet und mich kurzerhand für den Nachmittag zu einem Interview in die Agentur einlädt. Und dann stehe ich pünktlich vor dem modernen Bürohaus, wo die InHaus-Media mindestens eine halbe Etage belegt und wo nach meiner groben Schätzung 20 – 30 Menschen in einer Umgebung arbeiten, die keinen Vergleich mit modernen Agenturen in Europa scheuen muss. Ich werde in ein kleines Studio geführt und das Interview über meine Reise nimmt vor der Kamera seinen Lauf. Noch habe ich kein Endergebnis gesehen und bin sehr gespannt, was die Profis daraus machen werden.

 

 

 

Nach nur zwei Nächten verlasse ich Cuenca am frühen Morgen. Offenbar gerade rechtzeitig, denn im WhatsApp-Status, von Mauricio, einem kolumbianischen Radfahrer, den ich vor einigen Tagen getroffen hatte, sehe ich, wie sich am Nachmittag nach kräftigen Regenfällen Sturzbäche durch die Straßen der Stadt ergießen. Wie so oft, habe ich Wetterglück und bekomme den ganzen Tag keine Tropfen Regen ab. Allerdings waren vorhergegangene Regenfälle ein Thema zwischen Moli – der Frau aus der Werbeagentur – und mir, denn sie sagte mir, dass die Straße nach Huaquillas, einem Grenzübergang nach Peru wegen zahlreicher Erdrutsche gesperrt sei. Mein Plan war ohnehin, weiter durch die Berge zum Grenzübergang nach Macará zu fahren. Allerdings gibt es auch dort ein Problem. In vier Provinzen des Landes herrscht wegen der ausufernden Kriminalitätslage noch immer Ausnahmezustand und es gibt – angeblich – im ganzen Land nur zwei offene Grenzübergänge, einen nach Kolumbien und einen nach Peru, und das soll der der in Huaquillas sein. Gerüchteweise habe ich andere Informationen bekommen, und das Internet ist mir bei dieser Frage auch keine Hilfe. Ein E-Mail an den Honorarkonsul Deutschlands in Cuenca bleibt bis heute unbeantwortet und eine gleichlautende Nachricht an das Konsulat in Quito kommt Tage später mit automatischen Antwort zurück, dass E-Mails an diese Adresse nicht mehr bearbeitet werden. Es ist die E-Mail-Adresse von der offiziellen Homepage der Botschaft… Weil mir aus Richtung der angeblich gesperrten Strecke viele Fahrzeuge entgegenkommen, entschließe ich mich, in Richtung Huaquillas zu fahren, auch, weil die Strecke durch die Berge mindestens 10.000 zusätzliche Höhenmeter bedeutet hätte. So geht es von Cuenca ca. 2500 Meter hinab ins Küstentiefland. Und ich komme tatsächlich an dutzenden Erdrutschen vorbei, die teilweise die ganze Straße weggerissen haben und nur ein schmaler, provisorischer Weg durch die Erd- und Gröllmassen führt. Es müssen hier tatsächlich verheerende Regenmassen heruntergekommen sein.

 

 

 

Mit einer weiteren Zwischenübernachtung erreiche ich nach stundenlanger Fahrt durch Bananenplantagen die Kleinstadt Santa Rosa, nicht weit von der Grenze zu Peru entfernt. Es ist einer dieser Orte, in denen mich ein ungutes Gefühl beschleicht und ich mich nicht besonders wohl fühle, ohne es näher erklären zu können. Allerdings liegt Santa Rosa in der Provinz El Oro und damit in einer der vier Provinzen, in der seit Monaten Ausnahmezustand herrscht. Punkt 23.00 Uhr heulen die Sirenen: Ausgangssperre bis 05.00 Uhr morgens. Und schlagartig ist es ruhig in der Stadt und kein einziges Fahrzeug ist mehr auf den Straßen zu sehen. Mehr habe ich denn tatsächlich auch von dem Ausnahmezustand und auch von der Kriminalität nicht mitgekommen.

 

Auf meinem Weg zur Grenze treffe ich auf Andrew, einem Schotten, der hier seit Jahren die Wintermonate verbringt. Es ist mit einem Fahrrad unterwegs, wie ich es selten gesehen habe. Angeblich hat er es vor 20 Jahren günstig gebraucht gekauft und ist seitdem 200.000km damit gefahren. Der Rahmen ist geschweißt, die Reifen komplett abgefahren, es ist nur noch eine, nicht besonders vertrauenswürdig aussehende, Vorderradbremse vorhanden und im Ritzelpaket der Kettenschaltung fehlen ein paar Ritzel. Deswegen ist die Schaltung auch fixiert und er hat nur noch einen Gang zur Verfügung. Für den Gepäcktransport hat er vorn einen aufgeschnittenen Kanister am Rad montiert und trainiert so für einen Marsch in Schottland, an dem er im Sommer teilnehmen will. Andrew warnt mich ausdrücklich vor Diebstählen und Raubüberfällen – auch auf Radfahrer – in Peru. Auch im Internet wird immer wieder von der Kriminalität zulasten von ausländischen Touristen berichtet. Grund genug, noch vorsichtiger als bisher zu sein, wobei ja schon einige Länder, durch die ich gekommen bin, als gefährlich gelten.

 

 

Bis auf einen Computerausfall bei der Grenzabfertigung Ecuadors gehen Ein- und Ausreiseprozedur in dem gemeinsamen Abfertigungsgebäude beider Staaten schnell und problemlos über die Bühne. Ich bin wieder an der Pazifikküste angekommen und vor mir liegen bis Lima 1300km heißer Wüste, in der der Wind meistens kräftig aus südlichen Richtungen weht – also der Hauptwindrichtung beim Radfahren mit sieben Buchstaben: Von vorn!