Der Grenzübertritt von Bolivien nach Argentinien ist wieder einmal unproblematisch, wenn auch ungewöhnlich. Wurde bisher in allen Ländern Lateinamerikas peinlich genau darauf geachtet, dass man einen Ein- und Ausreisestempel im Pass vorweisen kann, bekomme ich bei der Ausreise in Villazón von dem Grenzbeamten nur einen Zettel mit einem Stempel und meiner Ausweisnummer in die Hand gedrückt. Damit ausgestattet, schiebe ich mein Rad zur Einreisekontrolle in La Quiaca auf argentinischer Seite. Hier herrscht moderne Technik vor. Häufige Grenzgänger treten vor einen Monitor und nach der Gesichtserkennung passieren sie den Übergang ohne weitere Kontrolle. Mein Pass wird gescannt und auf die Frage nach dem sonst obligatorischen Stempel werde ich darauf verwiesen, dass alles im System erfasst ist und es keinen Stempel gibt. Es folgt die Kontrolle meines Gepäcks. Eine von sechs Taschen wandert durch den Scanner, eine andere öffnet der Grenzbeamte und nach einer flüchtigen Sichtkontrolle kann ich passieren. Der erste Eindruck von Argentinien in diesem abgelegenen kleinen Grenzort am Rande des riesigen Landes: Alles wirkt moderner, gepflegter und wohlhabender als in Bolivien, aber auch als in den meisten anderen Ländern, durch die ich in Mittel- und Südamerika gekommen bin – natürlich mit Ausnahme der Zentren der Großstädte und der Touristenzentren in diesen Ländern. Und auch das Erscheinungsbild der Menschen hat sich geändert. Vor allem in Bolivien, aber auch in den ländlichen Gebieten Perus dominierte die indigene Bevölkerung in ihrer traditionellen Kleidung. Natürlich gibt es auch in Argentinien Indigene, aber die typische Kleidung fehlt hier komplett. Insgesamt wirkt das Land in vielerlei Hinsicht viel europäischer als andere Länder auf diesem Kontinent. Am auffälligsten in dieser Hinsicht sind die Fahrzeuge im Straßenbild. Während in den anderen Ländern Fahrzeuge aus asiatischer oder nordamerikanischer Produktion dominieren, sind hier überwiegend europäische Marken unterwegs: VW, Renaut, Peugeot, Citroen, Fiat – und wenn VW bei den großen Pickups sonst einen Marktanteil hätte, wie hier mit dem Amarok, würden in Wolfsburg wohl die Sektkorken knallen.
La Quiaca ist eine der nördlichsten Städte Argentiniens. Und hier enden gleich zwei der Fernstraßen des Landes, die berühmte Ruta 40 und die Ruta 9. Und die Länge dieser beiden Straßen vermittelt einen ersten Eindruck von der Größe Argentiniens, die nicht so richtig in europäische Maßstäbe passen will: Die Ruta 9 beginnt in Buenos Aires, führt durch sieben Provinzen des Landes und ist 1967 Kilometer lang. Viel beeindruckender ist aber die Ruta 40. Mit 5080 Kilometern ist sie eine der längsten Straßen der Welt und führt von der Südspitzte Patagoniens entlang der Anden bis an die Grenze von Bolivien und verbindet gleich elf Provinzen miteinander.
Straßenblockaden gibt es übrigens nicht nur in Bolivien
Die Landschaft ist nach dem Grenzübergang erste einmal flach und eintönig. Dafür ist es nachts wieder eisig kalt. Minus sechs Grad zeigt das Thermometer und als ich wieder in die Berge komme, ist an einer schattigen Felswand selbst am Nachmittag das Wasser, das aus dem Berg drückt, noch gefroren. Aber spätestens ab Humahuanca wird es landschaftlich spektakulär. Als ich in Peru die Regenbogenberge besucht hatte, wurde gesagt, dass es vergleichbare geologische Formationen sonst nur noch in China und eben hier im Norden Argentiniens gibt. Die 28 Kilometer und 1300 Höhenmeter von Humahuanca auf den Aussichtspunkt von Hornocal auf grobem Schotter erspare ich mir mit dem Rad und lasse mich im SUV nach oben bringen. Ich hatte die Berge schon am Vorabend aus großer Entfernung vor meiner Ankunft in Humahuanca gesehen, aus der Nähe ist das Farbspektakel jedoch kaum zu fassen. 14 Farben sollen es sein, in denen die verschiedenen Gesteinsschichten hier an die Oberfläche treten. Auch die Bilder können den Eindruck nur bedingt wiedergeben.
Auch danach bleibt es um mich herum bunt. Ich folge dem Tal des Rio Grande durch die Provinz Jujuy, einem Weinanbaugebiet Argentiniens, und immer wieder halte ich an, um Fotos von der bizarren Landschaft aufzunehmen. Mein Ziel ist die Salta, wo ein Ruhetag fällig ist. Die Stadt hat mehr als 500.000 Einwohner, liegt auf ca. 1200 Metern Höhe und hat damit ein wesentlich angenehmeres Klima als die Orte auf dem Altiplano. Auf dem Weg dorthin überquere ich den Wendekreis des Steinbocks, 23,5 Grad südlicher Breite, der mit einem großen Denkmal markiert ist. Und damit verlasse ich nach fast acht Monaten den Bereich der Tropen, auch wenn ich in den letzten Wochen in der Höhe des Altiplano nicht so viel davon gemerkt habe. Zwar befinde ich mich jetzt im subtropischen Bereich, wo es im Sommer sehr heiß wird, jetzt geht es aber auf den Winter zu, was hier Trockenzeit bedeutet, und die Tagestemperaturen sind um 20 Grad ideal zum Rad fahren.
Den ersten Eindruck, den ich bei meiner Ankunft in Argentinien hatte, bestätigt sich hier noch einmal mehr. Im Vergleich zu allen anderen Städten dieser Größenordnung wirkt Salta nicht nur im Zentrum sehr gepflegt und könnte genauso gut in Spanien liegen. Es gibt allerdings einen weiteren Unterschied zu den anderen Ländern, durch die ich gekommen bin: Ich habe hier noch kein Münzgeld in die Finger bekommen. Dafür stecken dicke Bündel Geldscheine in meinem Portemonnaie. Das liegt nicht daran, dass ich hier zum Krösus geworden wäre, vielmehr ist die Inflation ist für uns kaum vorstellbar. Während man bei uns über 3% Inflation stöhnt, liegt sie hier bei jährlich über 30%! Ein Euro hat zurzeit den Gegenwert von 1670 Pesos und der kleinste Schein hat einen Wert von 100 Pesos, entsprechend 6 Eurocent! Entsprechend hoch ist auch das Preisniveau und für viele Argentinier ein echtes Problem. Die Preise sind für mich im Vergleich zu Europa – zumindest hier in der Provinz - noch immer günstig, insbesondere aber im Vergleich zu Bolivien jedoch sehr hoch. Ich lasse meinen Pausentag ruhig angehen, mache einen Rundgang durch die Innenstadt, besuche ein Museum und fahre mit der Seilbahn auf den Hausberg der der Stadt.
Kurz hinter Salta verlasse ich die Ruta 9 und biege auf die Ruta 68 ab. Sie soll landschaftlich ein weiter Höhepunkt im Norden Argentiniens sein. Der erste Tag ist allerdings eher langweilig und ich fahre durch hügeliges Gebiet mit viel Landwirtschaft beiderseits der Straße. Dazu ist der Himmel grau und leichter Nieselregen begleitet mich den ganzen Tag. Immerhin bekomme ich immer wieder Gauchos wie aus dem Bilderbuch zu sehen. Ich übernachte in der Nähe von Alemanía (!) und am nächsten Morgen hat sich dicke Wolkendecke verzogen und es scheint wieder die Sonne. Genau richtig für die 70 Kilometer Panoramastraße, der ich jetzt folge. Die Formen und Farben der Berge sind so beeindruckend, dass ich immer wieder anhalte, um Fotos aufzunehmen. Und je weiter ich komme, desto bizarrer und bunter werden die Formationen, die Wind und Wasser geschaffen haben. Meine Fahrt durch dieses Naturschauspiel dauert Stunden. Erst am späten Nachmittag ziehen erneut Wolken auf, genau dort, wo ich die Berge verlasse und in der Halbwüste ankomme. Ein kräftiger Rückenwind hilft mir, noch rechtzeitig vor der Dunkelheit Cafayate und damit die Ruta 40 zu erreichen. Ihr werde ich etwa 1000 Kilometer weit bis nach Mendoza durch die Wüste folgen.
Cafayate ist ein kleiner gepflegter Ort mit vielen Hotels und Restaurants an der Einmündung zwischen Ruta 40 und Ruto 68. Und auch wenn Mendoza das Zentrum des argentinischen Weinanbaus ist, gibt es auch hier riesige Weingüter mit schicken Gehöften. Beim Verlassen von Cafayate säumen die Reben die Straße über viele Kilometer, bevor es in die Wüste geht, denn in dieser Region fällt nur sehr wenig Regen und die vielen trocken Flussläufe und Furten über die Ruta 40 zeugen davon, dass das meiste Wasser nicht im Boden versickert, sondern sofort abläuft. Und irgendwann gibt es nur noch Weite mit trockenem Gras und Dornenbüschen. Aber dass die Wüste lebt, zeigen nicht nur Rinder, Schafe, Ziegen und Esel die hier frei, ohne Zäune herumlaufen, sondern auch immer wieder kreuzen Füchse meinen Weg und auch mein erstes Gürteltier auf dieser Reise lässt sich genau einmal fotografieren, bevor es erstaunlich schnell das Weite sucht. Und dann sind da noch die Felsensittiche, die zu hunderten vor allem in der Nähe der Weingüter mit ihrem lauten Krächzen auf sich aufmerksam machen.
Am zweiten Tag auf meinem 1000 Kilometer langen Weg von Cafayate nach Mendoza meint es das Wetter nicht mehr ganz so gut mit mir. Ein eisiger Wind weht mir auf der schnurgeraden Straße entgegen. Kein Spaß. Und deswegen suche ich schon nach 80 Kilometern durchgefroren Schutz in einem der wenigen Hotels auf der Strecke und nutze die Gelegenheit, diesen Bericht auf den aktuellen Stand zu bringen, bevor es morgen weitergeht.
Typisch Argentinien: Überall sieht man Holzfeueröfen, um z. B. leckere, frische Empanadas zu backen und überall am Straßenrand Schreine für den Volkshelden Gauchito Gil