Bunte Berge und Kulturschock in Argentinien

 

Der Grenzübertritt von Bolivien nach Argentinien ist wieder einmal unproblematisch, wenn auch ungewöhnlich. Wurde bisher in allen Ländern Lateinamerikas peinlich genau darauf geachtet, dass man einen Ein- und Ausreisestempel im Pass vorweisen kann, bekomme ich bei der Ausreise in Villazón von dem Grenzbeamten nur einen Zettel mit einem Stempel und meiner Ausweisnummer in die Hand gedrückt. Damit ausgestattet, schiebe ich mein Rad zur Einreisekontrolle in La Quiaca auf argentinischer Seite. Hier herrscht moderne Technik vor. Häufige Grenzgänger treten vor einen Monitor und nach der Gesichtserkennung passieren sie den Übergang ohne weitere Kontrolle. Mein Pass wird gescannt und auf die Frage nach dem sonst obligatorischen Stempel werde ich darauf verwiesen, dass alles im System erfasst ist und es keinen Stempel gibt. Es folgt die Kontrolle meines Gepäcks. Eine von sechs Taschen wandert durch den Scanner, eine andere öffnet der Grenzbeamte und nach einer flüchtigen Sichtkontrolle kann ich passieren. Der erste Eindruck von Argentinien in diesem abgelegenen kleinen Grenzort am Rande des riesigen Landes: Alles wirkt moderner, gepflegter und wohlhabender als in Bolivien, aber auch als in den meisten anderen Ländern, durch die ich in Mittel- und Südamerika gekommen bin – natürlich mit Ausnahme der Zentren der Großstädte und der Touristenzentren in diesen Ländern. Und auch das Erscheinungsbild der Menschen hat sich geändert. Vor allem in Bolivien, aber auch in den ländlichen Gebieten Perus dominierte die indigene Bevölkerung in ihrer traditionellen Kleidung. Natürlich gibt es auch in Argentinien Indigene, aber die typische Kleidung fehlt hier komplett. Insgesamt wirkt das Land in vielerlei Hinsicht viel europäischer als andere Länder auf diesem Kontinent. Am auffälligsten in dieser Hinsicht sind die Fahrzeuge im Straßenbild. Während in den anderen Ländern Fahrzeuge aus asiatischer oder nordamerikanischer Produktion dominieren, sind hier überwiegend europäische Marken unterwegs: VW, Renaut, Peugeot, Citroen, Fiat – und wenn VW bei den großen Pickups sonst einen Marktanteil hätte, wie hier mit dem Amarok, würden in Wolfsburg wohl die Sektkorken knallen.

 

 

 

La Quiaca ist eine der nördlichsten Städte Argentiniens. Und hier enden gleich zwei der Fernstraßen des Landes, die berühmte Ruta 40 und die Ruta 9. Und die Länge dieser beiden Straßen vermittelt einen ersten Eindruck von der Größe Argentiniens, die nicht so richtig in europäische Maßstäbe passen will: Die Ruta 9 beginnt in Buenos Aires, führt durch sieben Provinzen des Landes und ist 1967 Kilometer lang. Viel beeindruckender ist aber die Ruta 40. Mit 5080 Kilometern ist sie eine der längsten Straßen der Welt und führt von der Südspitzte Patagoniens entlang der Anden bis an die Grenze von Bolivien und verbindet gleich elf Provinzen miteinander.

 

 

Straßenblockaden gibt es übrigens nicht nur in Bolivien

 

Die Landschaft ist nach dem Grenzübergang erste einmal flach und eintönig. Dafür ist es nachts wieder eisig kalt. Minus sechs Grad zeigt das Thermometer und als ich wieder in die Berge komme, ist an einer schattigen Felswand selbst am Nachmittag das Wasser, das aus dem Berg drückt, noch gefroren. Aber spätestens ab Humahuanca wird es landschaftlich spektakulär. Als ich in Peru die Regenbogenberge besucht hatte, wurde gesagt, dass es vergleichbare geologische Formationen sonst nur noch in China und eben hier im Norden Argentiniens gibt. Die 28 Kilometer und 1300 Höhenmeter von Humahuanca auf den Aussichtspunkt von Hornocal auf grobem Schotter erspare ich mir mit dem Rad und lasse mich im SUV nach oben bringen. Ich hatte die Berge schon am Vorabend aus großer Entfernung vor meiner Ankunft in Humahuanca gesehen, aus der Nähe ist das Farbspektakel jedoch kaum zu fassen. 14 Farben sollen es sein, in denen die verschiedenen Gesteinsschichten hier an die Oberfläche treten. Auch die Bilder können den Eindruck nur bedingt wiedergeben.

 

 

 

Auch danach bleibt es um mich herum bunt. Ich folge dem Tal des Rio Grande durch die Provinz Jujuy, einem Weinanbaugebiet Argentiniens, und immer wieder halte ich an, um Fotos von der bizarren Landschaft aufzunehmen. Mein Ziel ist die Salta, wo ein Ruhetag fällig ist. Die Stadt hat mehr als 500.000 Einwohner, liegt auf ca. 1200 Metern Höhe und hat damit ein wesentlich angenehmeres Klima als die Orte auf dem Altiplano. Auf dem Weg dorthin überquere ich den Wendekreis des Steinbocks, 23,5 Grad südlicher Breite, der mit einem großen Denkmal markiert ist. Und damit verlasse ich nach fast acht Monaten den Bereich der Tropen, auch wenn ich in den letzten Wochen in der Höhe des Altiplano nicht so viel davon gemerkt habe. Zwar befinde ich mich jetzt im subtropischen Bereich, wo es im Sommer sehr heiß wird, jetzt geht es aber auf den Winter zu, was hier Trockenzeit bedeutet, und die Tagestemperaturen sind um 20 Grad ideal zum Rad fahren.

 

 

 

Den ersten Eindruck, den ich bei meiner Ankunft in Argentinien hatte, bestätigt sich hier noch einmal mehr. Im Vergleich zu allen anderen Städten dieser Größenordnung wirkt Salta nicht nur im Zentrum sehr gepflegt und könnte genauso gut in Spanien liegen. Es gibt allerdings einen weiteren Unterschied zu den anderen Ländern, durch die ich gekommen bin: Ich habe hier noch kein Münzgeld in die Finger bekommen. Dafür stecken dicke Bündel Geldscheine in meinem Portemonnaie. Das liegt nicht daran, dass ich hier zum Krösus geworden wäre, vielmehr ist die Inflation ist für uns kaum vorstellbar. Während man bei uns über 3% Inflation stöhnt, liegt sie hier bei jährlich über 30%! Ein Euro hat zurzeit den Gegenwert von 1670 Pesos und der kleinste Schein hat einen Wert von 100 Pesos, entsprechend 6 Eurocent! Entsprechend hoch ist auch das Preisniveau und für viele Argentinier ein echtes Problem. Die Preise sind für mich im Vergleich zu Europa – zumindest hier in der Provinz - noch immer günstig, insbesondere aber im Vergleich zu Bolivien jedoch sehr hoch. Ich lasse meinen Pausentag ruhig angehen, mache einen Rundgang durch die Innenstadt, besuche ein Museum und fahre mit der Seilbahn auf den Hausberg der der Stadt.

 

Kurz hinter Salta verlasse ich die Ruta 9 und biege auf die Ruta 68 ab. Sie soll landschaftlich ein weiter Höhepunkt im Norden Argentiniens sein. Der erste Tag ist allerdings eher langweilig und ich fahre durch hügeliges Gebiet mit viel Landwirtschaft beiderseits der Straße. Dazu ist der Himmel grau und leichter Nieselregen begleitet mich den ganzen Tag. Immerhin bekomme ich immer wieder Gauchos wie aus dem Bilderbuch zu sehen. Ich übernachte in der Nähe von Alemanía (!) und am nächsten Morgen hat sich dicke Wolkendecke verzogen und es scheint wieder die Sonne. Genau richtig für die 70 Kilometer Panoramastraße, der ich jetzt folge. Die Formen und Farben der Berge sind so beeindruckend, dass ich immer wieder anhalte, um Fotos aufzunehmen. Und je weiter ich komme, desto bizarrer und bunter werden die Formationen, die Wind und Wasser geschaffen haben. Meine Fahrt durch dieses Naturschauspiel dauert Stunden. Erst am späten Nachmittag ziehen erneut Wolken auf, genau dort, wo ich die Berge verlasse und in der Halbwüste ankomme. Ein kräftiger Rückenwind hilft mir, noch rechtzeitig vor der Dunkelheit Cafayate und damit die Ruta 40 zu erreichen. Ihr werde ich etwa 1000 Kilometer weit bis nach Mendoza durch die Wüste folgen.

 

 

 

Cafayate ist ein kleiner gepflegter Ort mit vielen Hotels und Restaurants an der Einmündung zwischen Ruta 40 und Ruto 68. Und auch wenn Mendoza das Zentrum des argentinischen Weinanbaus ist, gibt es auch hier riesige Weingüter mit schicken Gehöften. Beim Verlassen von Cafayate säumen die Reben die Straße über viele Kilometer, bevor es in die Wüste geht, denn in dieser Region fällt nur sehr wenig Regen und die vielen trocken Flussläufe und Furten über die Ruta 40 zeugen davon, dass das meiste Wasser nicht im Boden versickert, sondern sofort abläuft. Und irgendwann gibt es nur noch Weite mit trockenem Gras und Dornenbüschen. Aber dass die Wüste lebt, zeigen nicht nur Rinder, Schafe, Ziegen und Esel die hier frei, ohne Zäune herumlaufen, sondern auch immer wieder kreuzen Füchse meinen Weg und auch mein erstes Gürteltier auf dieser Reise lässt sich genau einmal fotografieren, bevor es erstaunlich schnell das Weite sucht. Und dann sind da noch die Felsensittiche, die zu hunderten vor allem in der Nähe der Weingüter mit ihrem lauten Krächzen auf sich aufmerksam machen. 

 

 

Am zweiten Tag auf meinem 1000 Kilometer langen Weg von Cafayate nach Mendoza meint es das Wetter nicht mehr ganz so gut mit mir. Ein eisiger Wind weht mir auf der schnurgeraden Straße entgegen. Kein Spaß. Und deswegen suche ich schon nach 80 Kilometern durchgefroren Schutz in einem der wenigen Hotels auf der Strecke und nutze die Gelegenheit, diesen Bericht auf den aktuellen Stand zu bringen, bevor es morgen weitergeht. 

 

Typisch Argentinien: Überall sieht man Holzfeueröfen, um z. B. leckere, frische Empanadas zu backen und überall am Straßenrand Schreine für den Volkshelden Gauchito Gil

Durch die Weiten Argentiniens

 

Es gibt nichts zu meckern. Zum einen habe ich es mir selbst ausgesucht, und zum anderen habe ich die Weiten Argentiniens ja schon auf meinen vorherigen Reisen im wahrsten Sinne erfahren. Deswegen sollte man nicht mit zu hohen Erwartungen durch die Wüste des Nordens starten. Die Ruta 40 verläuft hier durch ein sehr breites Tal zwischen zwei Gebirgszügen und wird beiderseits von Dornengestrüpp und Kakteen gesäumt. Die Straße hat den Ruf, abenteuerlich zu sein. Gut, es geht lange geradeaus und mit dem Fahrrad erreiche ich nicht immer Ortschaften oder Unterkünfte, um mich vor dem Wind und der nächtlichen Kälte zu verkriechen. Das setzt ein wenig Planung bei den Wasservorräten und Lebensmitteln voraus. Aber ich kann nur erahnen, wie es hier in der Regenzeit und im Sommer aussieht. Einmal komme ich an einem Schild vorbei, das auf Furten auf den nächsten 60 Kilometern hinweist. Dafür gibt es hier auf 77 Kilometer kein einziges Haus. Und tatsächlich kommt eine breite, betonierte Rinne nach der anderen, manchmal im Abstand von weniger als 100 Metern. Einmal gibt es einen Hinweis, man soll die Wassertiefe prüfen, bevor man die Furt quert – und der Pegel reicht bis 1,40 Meter! Auch die Schlamm- und Geröllmassen, die von der Straße geschoben wurden, zeugen davon, dass diese Strecke bei starken Regenfällen kaum mit normalen Fahrzeugen passierbar sein dürfte und das, obwohl nur 200 Millimeter Niederschlag im Jahr fallen. Und im Sommer steigen die Temperaturen auf über 40 Grad – und Schatten sucht man vergeblich. Also: Wind und Kälte sind da wahrscheinlich die bessere Alternative.

 

 

 

Die Nachttemperaturen fallen auf Werte um den Gefrierpunkt und durch den Windchill Faktor fühlt es sich wesentlich kälter an. Beim Wechsel von Bolivien nach Argentinien habe ich gleichzeitig auch wieder einmal die Zeitzone gewechselt und bin nur noch fünf Stunden hinter der mitteleuropäischen Sommerzeit zurück. Da ich aber im Westen des Landes unterwegs bin, wird es morgens erst spät hell und mit der Sonne auch etwas wärmer. So verschiebt sich mein Start meistens auf halb zehn, zehn Uhr. Wenn es geht, suche ich also Schutz vor Wind und Kälte in meist sehr schlichten Unterkünften, in denen ich außerhalb jeder Touristensaison meistens der einzige Gast bin. Das hat immerhin den Vorteil, dass ich in einem Gästehaus, das ich ganz allein für mich habe, nachts mein Zelt im „Esszimmer“ aufbauen kann, nachdem ich es morgens nass von Tau und Kondenswasser einpacken musste.

 

Wenn ich irgendwo am Straßenrand mein Zelt aufschlage, versuche ich möglichst einen Platz mit Wind- und Sichtschutz zu finden, sodass ich sicher und ungestört schlafen kann. Das klappt aber nicht immer. Einmal finde ich Schutz nur an einem der vielen Schreine unmittelbar an der Straße. Mit Wänden, Dach, zahlreichen Kaminen, Tischen und Bänken. Und es gibt sogar Licht und Strom – und Internetempfang. Im Internet wird aber davor gewarnt, dass viele Autos hier die ganze Nacht anhalten und stören. Und tatsächlich halten gleich nach meiner Ankunft mehrere Fahrzeuge an – die meisten, um hier eine Pinkelpause im Gebüsch einzulegen. Aus unerfindlichen Gründen bekomme ich gleich von den ersten reichlich Lebensmittel geschenkt, wobei besonders die Tüte mit leckeren Backwaren genau das Richtige nach einem langen Tag im eisigen Gegenwind ist. In dieser Jahreszeit ist auf der Strecke wenig los, und so bin ich nach Mitternacht ungestört und mache mich am nächsten Morgen ausgeruht wieder auf den Weg.

 

 

Zufluchtsort Refugio Doña Mariana mit mehreren Feuerstellen und Netzempfang - und von Zeit zu Zeit gibt es sogar WLAN auf freier Strecke

Nur die Bahn ist keine echte Alternative, auch wenn man über hunderte Kilometer neben einem alten Gleis fährt

 

 

Nach einer Nacht in der Nähe des markanten Kilometers 4040 auf der Ruta 40 komme ich vor Villa Union wieder in die Berge und nutze die Gelegenheit, im einzigen „Restaurant“ weit und breit etwas zu essen. Die Auswahl fällt nicht so schwer, denn man kann sich entscheiden, ob man Empanadas nehmen möchte. Also nehme ich doch einmal Empanadas – im Dutzend billiger für 9000 Pesos – rund sechs Euro. Es muss erst einmal ein Feuer gemacht werden und irgendwann landen zwölf frisch zubereitete Teigtaschen vor mir auf dem Tisch, die ich natürlich nicht alle sofort vertilgen kann und so wandert die Hälfte in der Packtasche. Der Hungertod hat heute keine Chance.

 

 

 

Villa Union selbst liegt dann wieder in brettebener Landschaft mit viel Nichts drumherum. Im Ort sind überraschend viele Radfahrer unterwegs und es gibt sogar einen scheinbar gut sortierten Fahrradladen. Ich komme in einer mit viel Liebe zum Detail und viel Selbstgebasteltem ausgestatteten, etwas plüschigen Herberge eines älteren Paares unter, und am nächsten Morgen sitze ich nicht wieder in den Sattel, ohne dass vorher noch einige Fotos von mir aufgenommen werden, für die auch noch die Nachbarin extra rübergekommen ist. Nur die Geldautomaten im Ort spielen nicht mit und rücken nichts Bares heraus. Dabei neigt sich mein Bargeldbestand dem Ende zu und Kartenzahlung ist hier in der Provinz nicht überall möglich. Geldabheben auch so kein Spaß. Man kann in der Regel maximal 250.000 Pesos abheben. Hört sich nach viel an, sind aber nur rund 150 Euro, und Argentinien gehört nicht zu den billigsten Ländern Südamerikas. Das zeigen auch die unvermeidbaren Gebühren von neun bis zehn Euro pro Auszahlung.

 

 

Auch typisch für Argentinien: Schreine für die Difunta Correa, die im argentinischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert in die Wüste zog, um ihren von Freischärlern verschleppten Mann zu suchen und verdurstete, während ihr Kind noch Muttermilch trinkend überlebte. Heute werden an den Schreinen Wasserflaschen abgelegt - in skurrilen Ausmaßen

 

Bevor ich finanziell ganz auf dem Trockenen sitze, erreiche ich San Juan, eine Großstadt ohne den sonst üblichen Altstadtkern, denn der wurde, wie auch fast der gesamte Rest der Stadt, bei einem Erdbeben zerstört. Man hat sich hier aber nicht die Mühe gemacht, die Stadt wieder im alten Stil aufzubauen, sondern hat eine moderne Stadt mit sehr guten und großzügigen Straßen in die Steppe gebaut. Es ist Sonntag und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Also verschiebe ich meinen Abstecher in einen Supermarkt auf den nächsten Tag, um meine Vorräte aufzufüllen. Merkwürdig leer erscheinen mir die Straßen, obwohl doch eigentlich Berufsverkehr herrschen müsste. Und dann stehe ich vor den verschlossenen Türen des Supermarktes meiner Wahl. Eine kurze Google-Anfrage löst das Rätsel auf: Der 17. Juni ist nationaler Feiertag zu Ehren von General Martin Miguel de Güemes, einem der Kämpfer für die Unabhängigkeit Argentiniens. Es ist zwar erst der 15. Juni, aber zugunsten eines langen Wochenendes wird der Feiertag auf den Montag vorverlegt. Also wird es nichts mit dem Großeinkauf und ich beschränke mich auf das Notwendigste, was ich in den wenigen geöffneten kleinen Läden bekomme.

 

Ein Theater und Kunst im öffentlichen Raum, wie man sie nicht unbedingt in der argentinischen Provinz erwartet

 

Bereits vor einigen Wochen habe ich für mich entschieden, meine Reise in Santiago de Chile zu beenden und mein ursprüngliches Ziel Ushuaia aufgegeben. Der Grund für diese Entscheidung ist mein Tempo. Wenn ich vor meiner Abreise gefragt wurde, wie lange ich unterwegs sein werde, war die Antwort immer 18 Monate, um im Frühling/Sommer auf der Südhalbkugel anzukommen. Nun bin ich gut ein Jahr unterwegs und vor mir liegen nur noch rund 3000km. Wenn ich durchziehe, komme ich im tiefsten patagonischen Winter an. Ich kenne die selbst im Sommer teils extremen Bedingungen in dieser Gegend und schließe für mich einen Versuch, Feuerland im Winter zu erreichen, aus und für eine lange Extraschleife, um vier bis fünf Monate zu überbrücken, reicht die Motivation nicht mehr aus. Denn eines habe ich auf dieser Reise über mich selbst gelernt: Ich tauge nicht zum Nomaden, der sich jahrelang treiben lässt. Schließlich habe ich nicht, wie andere, alle Zelte zu Hause abgebrochen und freue mich auch das normale Leben in Norddeutschland. Außerdem war ich bereits zweimal in Patagonien und würde einige Strecken jetzt zum dritten Mal fahren, was bei aller atemberaubenden Schönheit dieses Landstrichs auch nicht besonders motivierend ist. Ganz leicht ist mir die Entscheidung nicht gefallen, eigentlich möchte ich das selbst gesteckte Ziel erreichen. Aber nun ist sie getroffen, und dass ich Santiago als Ziel gewählt hat seinen Grund. Als kleines Trostpflaster für den Verzicht auf das Foto unter dem Schild „Fin del Mundo“ auf Feuerland will ich zum Abschluss meiner Tour einen Abstecher auf die Osterinsel machen. Sie gehört zu Chile und Flüge gibt es zu diesem wohl abgelegensten ständig bewohnten Ort der Erde nur von Santiago. Die Flug dorthin und die Rückreise nach Deutschland sind gebucht, und ich habe auch noch einen Zeitpuffer für die Strecke von Mendoza nach Santiago, einige organisatorische Dinge in der chilenischen Hauptstadt und auch für die Erkundung der Stadt eingeplant. Aber ein gewisser Zeitdruck ist da, weswegen ich den eigentlich lange überfälligen und geplanten Ruhetag in Mondoza ausfallen lasse.

 

 

Von Mendoza geht es in noch einmal zurück in die Anden

 

Der Großraum Mendoza hat über eine Million Einwohner und ist das Zentrum des argentinischen Weinanbaus. Es mag an dem gefühlten Termindruck liegen, vielleicht auch an der herbstlich-winterlichen Stimmung in der Stadt, jedenfalls will bei mir kein Funke überspringen, der mich dazu gebracht hätte, einen Tag länger hierzubleiben. Wie auf dem Weg in die Stadt, verlasse ich Mendoza auf den blauen Radwegen abseits der Hauptstraßen, bevor ich auf die Ruta Nacional 7, die hier wieder Ruta Panamericana heißt, in Richtung Chile fahre. Noch einmal geht es über die Anden, wo die Straße auf dem Paso Nacional Los Liberatadores die Grenze zu Chile quert. Knapp 500 Kilometer ist die Strecke lang, aber sie haben es noch einmal in sich. Ich folge dem Tal des Rio Mendoza und eigentlich geht es ganz gemütlich ohne wirklich steile Passagen den Berg hinauf. Unterwegs fahre ich durch viele kurze Tunnel und passiere den Stausee Potrerillos, der die Region Mendoza mit Wasser versorgt. Aber der blaue Himmel und Sonnenschein trügen. Ein eisiger Wind weht mir entgegen und wird in den Nachmittagsstunden meistens so stark, dass ich mich kaum auf der Straße halten kann. Weil der Grenzübergang einer der wichtigsten für den Güterverkehr von und nach Chile ist, teile ich die schmale Straße mit sehr vielen Lkw aus allen Ländern des südlichen Südamerikas und muss zu meiner eigenen Sicherheit oft auf den unbefestigten Seitenstreifen ausweichen. Nachts fallen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt und die Berge ringsum sind schneebedeckt. Zu meiner Überraschung sind am zweiten Tag so gut wie keine Lkw unterwegs und die wenigen, die ich doch noch sehe, werden in Uspallata gestoppt und auf einen großen Parkplatz gelotst. Später erfahre ich den Grund für diese Maßnahme. Es hat geschneit und der Pass und die Grenzkontrolle sind geschlossen. Das trägt nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Die Nacht verbringe ich in den Ruinen einer ehemaligen Bahnstation – ohne Dach, dafür aber bieten die Mauern immerhin Windschutz. Am nächsten Tag ist der Pass wieder offen und wie nicht anders zu erwarten, ist heute die doppelte Menge an Lkw unterwegs. Immer wieder passieren mich lange Fahrzeugkolonnen und zusätzlich kämpfe ich bei minus 1,5 Grad im Schatten der Berge wieder mit eiskalten Wind. Dabei ist die Landschaft spektakulär. Eine kleine Pause lege ich an der Puente del Inca ein und passiere auch den Aconcagua, den höchsten Berg der Anden und auch der höchste Berg der Erde, der nicht im Himalaya liegt. Leider kann ich den Gipfel nicht sehen, weil er sich in den Wolken versteckt.

 

 

 

Alle Lastwagen, die mich an diesem Tag überholt haben, sehe ich mehrfach. Weil die Grenzabfertigung dem Andrang nicht gewachsen ist, gibt es immer wieder Straßensperren, vor denen sich der Verkehr kilometerweit staut. Ich ziehe vorbei und erreiche gegen 16.00 Uhr, wieder vorbei an einem mehrere Kilometer langen Lkw-Stau, den 3,5 Kilometer langen Tunel Cristo Rendentor Los Andes auf 3320 Metern Höhe, den ich nicht mit dem Fahrrad benutzen darf. Vor dem ersten Lastwagen der Kolonne steht aber ein Pickup bereit, der Radfahrer kostenlos auf die andere Seite bringt. Nach weniger als 10 Minuten ist ein Fahrer gefunden, mein Rad auf der Ladefläche und ich sitze im Auto und überquere die Grenze nach Chile in der Mitte des Tunnels und habe damit das 16. und letzte Land meiner Reise erreicht.

 

 

 

Die Berge westlich des Passes sind noch schroffer, noch beeindruckender als auf der argentinischen Seite. Auch die Straße ist wesentlich steiler und ich bin froh, dass es von jetzt an bergab geht, auch wenn es ein eiskaltes Vergnügen ist, denn die Sonne steht schon tief und ich fahre im Schatten. Nach vier Kilometern kommt die gemeinsame Grenzabfertigung beider Länder. Keine Ausreisekontrolle Argentiniens, die Daten werden von Chile elektronisch übermittelt. Dafür hat es die chilenische Kontrolle in sich. Es ist verboten, Obst, Gemüse, Milch- oder Fleischprodukte nach Chile einzuführen. Das kenne ich schon von meinen vorherigen Reisen. Aber an diesem wichtigen und stark frequentierten Grenzübergang ist alles noch einmal perfektioniert worden. Ich werde in die riesige Halle für Pkw gelotst, wo ich mich in eine der mindestens zehn Abfertigungsspuren einreihe. Die Wartezeit kann man dafür nutzen, einen QR-Code zu scannen und eine elektronische Zollerklärung auszufüllen und zu übermitteln. Dann kommen die Passkontrolle und danach die Gepäckkontrolle. Pkw werden gründlich durchsucht, ein Hund schnüffelt meine Taschen ab. Worauf er trainiert ist, weiß ich nicht. Vielleicht Lebensmittel, vielleicht Drogen. Jedenfalls „überriecht“ er meine beiden mit Wurst und Käse belegten Brötchen. Es schließt sich eine kurze Sichtkontrolle meiner Taschen an, wobei ich nur eine öffnen muss, bevor das gesamte Gepäck in einem großen Scanner wie am Flughafen durchleuchtet wird. Alles verläuft professionell, ruhig und freundlich, und ohne Beanstandungen verlade ich alles wieder auf mein Rad und kann meinen Weg fortsetzen. Es wird auch Zeit, denn die Dämmerung setzt langsam ein und bis zur nächsten Unterkunft liegen noch über 20 Kilometer vor mir. Die sind allerdings etwas ganz Besonderes. Es geht bergab, klar. Die Frage ist nur das Wie. In 29 engen Haarnadelkurven geht es auf einer steilen Serpentinenstrecke talwärts, wie ich sie noch nie gefahren bin – leider streckenweise hinter einem stinkenden Lkw, den ich nicht gleich überholen kann. Außerdem will ich ja auch noch ein paar Bilder machen. In Guardia Viaja habe ich mir dann für die Nacht für 40.000 Pesos eine Cabaña in einem sehr speziellen Ambiente gemietet. Umgerechnet 40 Euro sind dafür ein stolzer Preis, dient wohl in erster Linie der Gewöhnung an da chilenische Preisniveau, vor allem, wenn es keine Alternativen gibt.