Schon in den Tagen vor meiner Einreise nach Bolivien hatte ich in Peru Berichte über die Unruhen in dem Land gehört und gelesen. Die Proteste richten sich in erster Linie gegen den amtierenden Präsidenten, der unter dem Motto „Kapitalismus für alle“ angetreten ist und vom argentinischen und US-amerikanischen Präsidenten unterstützt wird. Der Generalstreik wird im Wesentlichen von den Bergarbeitern und der indigenen Bevölkerung getragen, dauert jetzt schon über zwei Wochen und hat das ganze Land erfasst, wobei der Schwerpunkt in der Region in und um La Paz liegt, wo es immer wieder zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei kommt. Für mich ist es wie ein Déjà-vu, denn auch als ich vor 14 Jahren nach Bolivien einreiste, gab es Proteste der Bergarbeiter und die Hauptzufahrtsstraße nach La Paz waren blockiert.
Ich verlasse morgens meine Unterkunft in Desaguadero und erreiche nach weniger als einem Kilometer den kleinen Grenzübergang direkt am Titicacasee nach Bolivien. Allerdings stehen auf peruanischer Seite Absperrgitter auf der Straße und Polizisten weisen alle Fahrzeuge ab, die Richtung Grenze wollen. Mit meinem Fahrrad komme ich ungehindert durch, erledige die Ausreiseformalitäten und tausche meine letzten peruanischen Soles gegen Bolivianos ein, bevor ich über den kleinen Grenzfluss das 14. Land meiner Reise betrete. Dass Bolivien eines der ärmsten Länder Südamerikas ist, erkennt man schon bei der Einreise, denn schlichter und schäbiger kann eine Grenzkontrollstelle kaum sein. Eine einzelne Beamtin in ziviler Kleidung erledigt die Formalitäten, will mich aber nicht durchlassen und erklärt, dass alle Straßen gesperrt sind. Erst als ich ihr verdeutliche, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, drückt sie ohne weiteres Zögern den Einreisestempel in meinen Pass und ich kann meinen Weg fortsetzen.
Was sie meinte und was es bedeutet, dass alle Straßen gesperrt sind, erfahre ich nur wenige hundert Meter später, denn hier stauen sich beiderseits der Straßen kilometerlang Lastwagen vor der ersten Blockade auf dieser Strecke hinter der Grenze. Ich frage einen der Lkw-Fahrer, wie lange er denn schon hier wartet, und er antwortet, seit zwölf Tagen! Trotzdem scheint die Stimmung unter den Fahrern entspannt und gelassen zu sein. Durch die Gasse zwischen den abgestellten Lastwagen erreiche ich bald die erste Blockade. Erdreich und Steine machen es unmöglich, hier mit Pkw oder Lkw durchzukommen. Zahlreiche Menschen, offenkundig Indigene, halten hier Wache und lassen mich ungehindert passieren, wie im Übrigen auch alle anderen Zweiradfahrer und Fußgänger.
Danach ist die Straße frei und ich bin der irrigen Annahme, dass ich die Blockaden hinter mir habe. Damit liege ich allerdings völlig falsch. Es folgen dutzende weiterer Straßensperren und immer wiederholt sich das gleiche Spiel: Langsam an die Barriere heranfahren, freundlich grüßen, einen Weg suchen, wo ich mit meinem Fahrrad durchfahren oder -schieben kann oder gelegentlich auch alles über das Hindernis heben. Einmal muss ich sogar neben einer Brücke durch einen seichten Fluss fahren. Es scheint, als habe jede Dorfgemeinschaft seine eigene Sperre errichtet und trifft sich dort, um die Blockade zu bewachen oder sich gegenseitig in ihrem Handeln zu bestärken. Manchmal sind es hunderte Menschen, die sich hier insbesondere in den späten Nachmittagsstunden versammelt haben, und ich fahre jedes Mal mit einem mulmigen Gefühl an die Blockade heran, weil ich die Stimmung schwer einschätzen kann. Meistens sind die Menschen allerdings sehr gelassen und freundlich und ich werde gelegentlich auch aufgefordert, doch mit ihnen an einem der kleinen Stände zu essen. Teilweise habe ich auch das Gefühl, dass der Gringo mit dem Fahrrad eine willkommene Abwechslung nach zwei Wochen Generalstreik und Wachposten an einer Straßensperre auf der Autobahn ist, und zum Vergnügen der Massen tun sich dann einige der Protestierenden hervor und geben an, sie müssten mich kontrollieren. Mal wird der Pass verlangt, mal will man den Inhalt meiner Taschen auf Waffen überprüfen und mal wird ganz direkt gefragt, ob ich Dollar dabeihätte. Mit einem freundlichen Lächeln und lehne ich alle Forderungen ab und kann meinen Weg unbehelligt fortsetzen.
Vor dem Hintergrund, dass sich die Situation insbesondere in La Paz immer weiter zuspitzt, es bereits Versorgungsengpässe geben soll und es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten kommt, umgehe ich diesen Moloch, der mir schon bei meiner ersten Reise nicht besonders gefallen hat, auch wenn das Hinein- und Herauskommen aus dem Talkessel durch eine zwischenzeitlich gebaute Seilbahn, in der man auch sein Fahrrad mitnehmen kann, erheblich erleichtert wurde. Über Viacha umfahre ich La Paz und El Alto südwestlich und lande schließlich auf der autobahnähnlich ausgebauten RN 1. Auch hier gibt es natürlich zahlreiche Blockaden und auf der autofreien Bahn sind nur viele Fußgänger mit Rollkoffern und Radfahrer unterwegs – und gelegentlich erobern sich Lamas die Autobahn zurück. Von Versorgungsengpässen spüre ich auf meinem Weg durch das Land nichts, wobei es in Bolivien generell schwierig ist, Läden mit einem breitgefächerten Warensortiment zu finden. Meistens gibt es nur kleine und kleinste Läden und für seine Einkäufe muss man oft in verschiedene Tiendas gehen, um alles zu bekommen, was man sucht. Größere Supermärkte habe ich bisher noch nicht gesehen. Die Unterkünfte sind teilweise äußerst primitiv, dafür dann aber auch spottbillig. In einer dieser Quartiere habe ich 35 Bolivianos bezahlt, umgerechnet ca. 4,50 Euro. Zum Vergleich: In Oruro, einer größeren Stadt, bestelle ich mir in einem schicken Café im Zentrum einen Cappuccino und ein Stück Blechkuchen und bezahle 39 Bolivianos!
Etwa 50 Kilometer vor Oruro komme ich mit einem Bolivianer ins Gespräch, der zu Fuß auf dem Weg nach La Paz ist – das sind noch rund 200km. Er möchte unbedingt ein Foto von sich mit meinem Fahrrad haben. Warum auch nicht? Dann setzt sich dieser Wahnsinnige, bevor ich es verhindern kann, mit seinem vollen Gewicht auf mein Rad, das nur auf dem Seitenständer steht! Zum Glück haben Rahmen und Seitenständer keinen Schaden genommen, aber ich hole ihn schneller vom Sattel, als er draufgekommen ist! Er erklärt mir noch, dass nach zwei bis drei Straßensperren der Weg nach Oruro frei ist und es keine weiteren Blockaden gibt. Und so kommt es dann auch, der Verkehr nimmt langsam wieder zu, vor allem Kleinbusse, die Menschen bis zur ersten Barriere oder von dort in die Stadt bringen, und in der 250.000-Einwohner-Stadt geht das Leben seinen ganz normalen Gang, als wenn im Land nichts Besonderes im Gange ist. Nur an einem großen Kraftstofflager in der Nähe des Stadtzentrums erkennt man, dass im Land zurzeit doch nicht alles normal abläuft, denn hier stauen sich bestimmt 100 Tanklastzüge, die wahrscheinlich nicht losfahren, weil sie sonst, wie so viele andere, irgendwo auf der Strecke vor einer Blockade stranden würden. Ich genieße hier nicht nur eine gepflegten Cappuccino und Kuchen, sondern fülle meine Vorräte auf und in einem der besseren Hotels der Stadt gibt es auch den Luxus einer sehr guten, heißen Dusche und – absolute Ausnahme – eine kleine Elektroheizung im Zimmer. Sonst sind alle Unterkünfte trotz nächtlicher Minustemperaturen und des Fehlens jeglicher Isolierung unbeheizt, was durch viele, schwere Wolldecken in den Betten ausgeglichen wird.
Durch eine 25 Kilometer lange Baustelle verlasse ich Oruro, wovon ich den größten Teil aber auf einer funkelnagelneuen Betonpiste unter Ausschluss jeglichen Verkehrs fahre. Am Ende der Baustelle, wo sich die Straße verzweigt, gibt es wieder eine Straßensperre und nach kurzem Zögern verwerfe ich hier meinen Plan, über Sucre und Potosi nach Uyuni zu fahren. Zum einen wollte ich mir die Hauptstadt ansehen, zum anderen gibt es in Potosi den Silberberg, in dem seit Jahrhunderten unglaubliche Mengen des Edelmetalls abgebaut werden und wo man aktive Bergwerke besichtigen kann. Vor dem Hintergrund der andauernden Streiks und Straßensperren gehe ich davon aus, dass auch in diesen Bergwerken gestreikt und eine Besichtigung unmöglich ist. Außerdem fahre ich gerade auf ebenen Strecken über das Alti Plano und die andere Strecke hätte wieder viele Höhenmeter bedeutet. Nur mit den Versorgungs- und Übernachtungsmöglichkeiten sieht es in den kleinen Dörfern, durch die ich komme, schlecht aus. Das Nötigste kaufe ich in kleinen Läden ein und verbringe eisige Nächte am Rand abgeernteter Quinoafelder in meinem Zelt. Die ersten Salzseen kommen in Sichtweite und je kärger die Landschaft und je spärlicher der Bewuchs, desto mehr Lamas weiden hier und auch Vicuñas kreuzen wieder öfter meinen Weg.
Und noch einmal treffe ich spontan eine andere Richtungsentscheidung als ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Kurzentschlossen mache ich einen Umweg, um, wie bei meiner ersten Reise in Bolivien, die faszinierende Fahrt über den Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt, noch einmal zu wiederholen. Auch hierbei fährt das Risiko mit, dass mich die Wiederholung enttäuschen wird, zu perfekt waren die Bedingungen bei der Prämiere. Meine diesbezüglichen Bedenken werden zusätzlich genährt durch dunkle Wolken und einem eisigen Wind am Tag, bevor ich den Salzsee erreiche. Wieder komme ich durch Salina Garcí Mendoza, der selbsternannten Hauptstadt des Quinoaanbaus, die noch schäbiger ist, als ich sie in Erinnerung habe.
Es ist Erntezeit und überall wird Quinoa gemäht und gedroschen. Es ist unvorstellbar, unter welchen Bedingungen Menschen hier leben und Arbeiten und den kargen Böden das Andengetreide abringen
Ein schnelles Essen am Straßenrand, für alle Fälle einige Vorräte einkaufen und dann „nur noch“ um den Vulkan Tunupa herum nach Coqueza, wo es eine Auffahrt auf den Salar gibt. Gefühlt zieht sich die staubige Schotterpiste endlos, und der kalte Gegenwind macht das Fahren nicht einfacher. Wieder einmal später als geplant erreiche ich mein Ziel und checke als einziger Gast des Tages kurz vor Sonnenuntergang in einem einfachen Salzhotel am Seeufer ein, wo ich nicht nur ein Zimmer mit Blick über den Salzsee bekomme, sondern auch eines mit besonders heißer Dusche, was ich nach diesem Tag besonders genieße.
Sechs Grad beträgt die Temperatur am nächsten Morgen im Zimmer, draußen herrschen Minusgrade. Aber ein Blick aus dem Fenster lässt die Kälte schnell vergessen, denn der Himmel ist strahlend blau und es ist absolut windstill, allerbeste Voraussetzungen für die Fahrt über das Salz. Nach einem äußerst kargen Frühstück lasse ich mir von meiner Gastgeberin noch die Richtung zeigen, die ich über die schier endlose weiße Fläche einschlagen muss und mache mich dann auf den Weg zur Isla Incahuasi, die bei meinem Start noch hinter dem Horizont verborgen ist. Dort hoffe ich nach 38 Kilometern einen Mittagsimbiss zu bekommen, um dann noch einmal 70 Kilometer bis zum gegenüberliegenden Ufer in der Nähe von Uyuni zu fahren. Die Stille, die Weite, das strahlende Weiß des Salzes und Blau des Himmels verursachen eine geradezu euphorische Stimmung. Daran ändert auch ein Platten nach fünf Kilometern nichts, der schnell behoben ist – das ist die Strafe, wenn man einen leichten Luftdruckabfall am Vortag ignoriert. So etwas hat seinen Grund, und der ist wieder einmal ein kleiner, dünner Draht, der sich in den Reifen gebohrt hat. Vermutlich bin ich der erste Radfahrer, der auf dem Salar de Uyuni flicken musste. Bei der intensiven Sonnenstrahlung auf 3700 Metern Höhe und der Reflexion durch das strahlend weiße Salz sind Sonnencreme und eine sehr dunkel Sonnenbrille Pflicht. Und trotz der idealen Wetterbedingungen ist es eisig kalt. Erst am Nachmittag steigt die Temperatur auf zwölf Grad an.
Die Isla Incahuasi taucht langsam am Horizont auf und nach zahlreichen Fotostopps komme ich dort gegen Mittag an. Auch hier hat sich einiges verändert, es sind einige moderne und trotzdem stilvoll angepasste Häuser errichtet worden, um den zahlreichen Touristen, die in der Mehrzahl mit schweren Geländewagen über den Salzsee gebracht werden, einiges bieten zu können. Allerdings gibt es nichts zu Essen und selbst mein Wunsch nach einem Kaffee wird abgewiesen und ich werde um eine halbe Stunde vertröstet. So bleibt es bei einer kalten Cola und meinen Vorräten aus der Packtasche. Nach einigen Fotos von der Isla de Cactus – wie sie aus naheliegenden Gründen auch genannt wird – setzte ich meinen Weg fort. Noch einmal 70 Kilometer geradeaus, um kurz vor dem Ufer noch die obligatorischen Fotos von dem Flaggenposten und dem Denkmal an die Rallye Dakkar, die hier einmal stattgefunden hat, aufzunehmen. Danach flüchte ich mich vor der Kälte wiederum als einziger Gast in ein schlichtes Salzhotel.
Am nächsten Morgen fahre ich bei kräftigem Rückenwind die kurze Strecke nach Uyuni. Eigentlich will ich hier einen Ruhetag einlegen. Aber die Stadt wirkt so staubig und schäbig und hat kaum etwas zu bieten, was mich reizen könnte, mich hier länger aufzuhalten. Die einzige Attraktion der Stadt ist der Eisenbahnfriedhof am Stadtrand. Uyuni ist hier im Hochland ein Eisenbahnknotenpunkt und lange hat man ausdiente Lokomotiven und Wagons einfach auf ein Abstellgleis geschoben, wo sie jetzt seit Jahrzehnten vor sich hinrosten. Eine bizarre Szenerie, die aber nicht tagesfüllend ist und kein Grund, mich hier länger aufzuhalten und so setze ich dann meine Reise in Richtung argentinischer Grenze fort.
Uyuni verlasse ich am frühen Morgen. In der Stadt ist von den Protesten und Blockaden, die das Land seit Wochen lahmlegen, fast nichts zu spüren. In einer Straße sehe ich jedoch bestimmt 100 geparkte Toyota Landcruiser, mit denen sonst Touristen auf den Salar oder in die Bergwelt gebracht werden. Offenbar bleiben diese aber weitgehend aus – oder es fehlt am Treibstoff, denn auf meinem Weg aus der Stadt komme ich an einer Tankstelle vorbei, vor der sich eine lange Fahrzeugschlage gebildet hat. Aber niemand tankt und viele Fahrer haben scheinbar die Hoffnung aufgegeben, dass es bald voran geht und sind verschwunden.
Die Strecke bleibt erst einmal flach und in der weiten Ebene sehe ich viele Lamas und auch Vikunjas und erstmals auf dieser Reise sehe ich Nandus. Aber die großen Vögel haben eine so große Fluchtdistanz, jedenfalls gegenüber Radfahrern, dass ich nur einige „Beweisfotos“ aus großer Entfernung aufnehmen kann.
Vor der Grenze geht es noch einmal in die Berge. Nach einer Übernachtung in Atocha, einer Kleinstadt, die von der Förderung der vielfältigen Bodenschätze der Umgebung lebt, wird es noch einmal anstrengend. Über lange Steigungen erreiche ich die Passhöhe auf ca. 4200 Metern Höhe. Immerhin hilft in den letzten Tagen ein kräftiger, wenn auch kalter Rückenwind. In Tupiza treffe ich erneut auf Aljaž, der in Uyuni einen Ruhetag eingelegt hatte und dann mit seinem superleichten Rad die Strecke, für die ich volle zwei Tage benötigt habe, an einem Tag gefahren ist und nur kurz nach mir ankommt. Tupiza liegt fast 1000 Meter tiefer als der Altiplano auf ca. 2900 Meter Höhe und das bedeutet, dass hier im Ort Palmen wachsen und die Abendtemperaturen deutlich angenehmer sind als in der Hochebene. Auf direktem Weg geht es am nächsten Morgen weiter in Richtung Grenze zu Argentinien. Vieles habe ich hier in Bolivien ausgelassen. Obwohl von den Auswirkungen des Generalstreiks kaum tangiert wurde, ist die Situation für mich beklemmend. Das Land ist wahrscheinlich das ärmste in Südamerika und die Politik der derzeitigen Regierung trifft besonders diejenigen am härtesten, die ohnehin schon wenig haben. Seit mehr als vier Wochen herrscht Stillstand und in Teilen kommt es zu Versorgungsengpässen. Da fühle ich mich als „Luxustourist“ absolut deplatziert. Hinzu kommt, dass einige Bereiche kaum noch zugänglich sind und ich andere traumhaft schöne Regionen bereits bei meiner ersten Reise gesehen habe und die damit verbundenen Strapazen nicht noch einmal auf mich nehmen möchte. Also auf in Richtung Nordargentinien, wo ich bisher noch nie war.