Fahrt durch das Naturparadies Costa Rica

 

Größer könnten die Unterschiede zwischen zwei Ländern hier in Mittelamerika wohl kaum sein als der Übergang von Nicaragua nach Costa Rica. Man kommt aus einem der ärmsten Länder der gesamten Region und erreicht das sehr nordamerikanisch geprägte Natur- und Touristenparadies Costa Rica, was sich nicht zuletzt auch in den Preisen für Unterkünfte und Lebensmittel niederschlägt. In diesem Land waren Susanne und ich erst vor zwei Jahren und haben eine vierzehntägige Rundreise mit vielen Wanderungen in den Nationalparks unternommen. Die Pflanzen- und Tierwelt sind wunderschön und ich habe viele tolle Aufnahmen gemacht (sind auf Instagram unter @my_bike.tours zu finden). Mit der kleinen Kamera oder dem Handy ist es schwer, etwas Vergleichbares zustande zu bringen. Auch deswegen verzichte ich bei dieser Reise darauf, dieselben oder andere Nationalparks zu besuchen und beschränke mich schweren Herzens darauf, fast auf direktem Weg in Richtung Panama das Land zu durchqueren. Das bedeutet, dass ich sehr viel auf der Panamericana unterwegs bin. Und das ist kein Spaß! Ich bin ein bisschen verwöhnt von Honduras und Nicaragua vom Zustand und dem Verkehr auf diesem Highway. Dort war ich überrascht von der sehr guten Qualität der Straße und den breiten Seitenstreifen, auf denen ich sicher radeln konnte. Fast wie erwartet ist die Piste in Costa Rica noch einmal viel besser ausgebaut als bisher. Vierspuriger, glatter Beton, Seitenstreifen, streckenweise sogar Radwege! Die enden allerdings immer wieder unvermittelt und als gäbe es eine Alternative, ist das Fahrradfahren dann streckenweise aus unerklärlichen Gründen verboten. Also: einfach ignorieren, offenbar interessiert das hier ohnehin niemanden. Wie trügerisch der erste Eindruck sein kann, erfahre ich nach etwa 50km. Dann endet die Ausbaustrecke, die Panamericana ist nur noch zweispurig, hat keinen Seitenstreifen mehr und der Verkehr ist die Hölle und dröhnt dicht an mir vorbei. Dafür gibt es aber keine Verbote für Radfahrer mehr! Das mag verstehen wer will, ich jedenfalls nicht.

 

 

Tropische Vielfalt direkt am Straßenrand

 

Seit San Salvador habe ich keinen Ruhetag mehr eingelegt und bin fast 900km ohne Pause gefahren. Die Beine signalisieren mir, dass sie dringend wieder einmal etwas anderes oder einfach nichts tun möchten, als den ganzen Tag in die Pedale zu treten. Der Ort hierfür ist Chacarita in der Nähe von Puntarenas. Bis hierher wurde Verkehr immer dichter und bedrohlicher bis hin zu einer Berührung mit einem Pkw, der beim Überholen komplett auf Seitenabstand verzichtete. Auf einem kleinen Campingplatz an der Küste schlage ich seit langer Zeit wieder einmal mein Zelt im Schatten der Palmen auf. Zelten bei diesen Temperaturen ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit und an einen erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dass diese Platzwahl zudem nicht ganz ungefährlich ist, erfahre ich gleich am Morgen des nächsten Tages, als ich mich unter einen dieser Bäume setze. Plötzlich fängt es an zu tropfen, und da der Himmel wolkenlos ist, kann es kein Regen sein. Zwischen den Kokosnüssen sehe ich Bewegung und bei genauerem Hinsehen entdecke ich ein „Eich“-Hörnchen, das sich an einer Kokosnuss zu schaffen macht und für den Kokosmilchregen verantwortlich ist. Es sieht so aus, als wenn es das gesamte Innere der Kokosnuss auffrist – nur Anfänger begnügen sich mit Haselnüssen und Bucheckern. Mehrere der so ausgehölten Früchte liegen auf dem Rasen, es hätte mich also durchaus auch härter treffen können. Obwohl das nahe Puntarenas zumindest auf der Karte recht malerisch auf einer langgestreckten Landzunge liegt, ist es dort noch genauso trist, wie ich es von vor zwei Jahren in Erinnerung habe. Auch ein Kreuzfahrtschiff, dessen Passagiere den Ort fluten, ändert daran nichts.

 

 

 

Die nächsten Kilometer auf der Panamericana sind wieder einmal Autobahn und mehrere Schilder verbieten das Radfahren. Sicherheitshalber befrage ich deswegen einen Einheimischen. Der erklärt mir nur, da ich ein Tourist bin, wäre das okay – anscheinend gibt es nicht nur unterschiedliche Preise für Touristen und Einheimische, sondern auch unterschiedliche Verkehrsregeln. Zwei Highlights bringt mir der Tag dann doch noch. Gegen Mittag erreiche ich „The Vikings Danish Bakery“! Kuchen, Brot und Brötchen wie in Dänemark! Sogar die Preise sind echt dänisch! Egal – nach so vielen geschmacklosen Tortillas und Wattebrot kann und will ich nicht widerstehen.

 

 

 

Das zweite Highlight macht sich durch lautes Geschrei hoch über mir bemerkbar. Eine kleine Ara-Schar hält sich dort auf und drängt sich als Fotomotiv geradezu auf.

 

 

 

Auch die darauffolgende Nacht verbringe ich auf einem Campingplatz an der Küste. Sehr schlicht, sehr günstig mit vielen Surfern, die hier ihr kleines Paradies gefunden haben. Meine Platznachbarn aus Frankreich, unterwegs im Mietwagen mit Dachzelt, erzählen, dass am Vortag ein Panther unmittelbar vor ihren Augen die Straße überquert hat. So viel Glück habe ich bei meinen Begegnungen mit Tieren nicht. Die meisten Exoten, denen ich begegne, liegen überfahren auf der Straße – Schlagen, Leguane, Gürteltiere, sogar zwei Ameisenbären und ein Faultier habe ich gesehen, die keine Chance haben durch den dichten Verkehr die Straße zu überqueren. Immerhin meint es eine Totenkopfäffchen-Familie in den Bäumen direkt neben der Fahrbahn gut mit mir und statt wie die meisten Tiere bei der Annäherung eines Radfahrers sofort zu flüchten, posieren sie direkt vor meiner Kamera auf den Blättern einer Bananenstaude. Und als kleine Zugabe beobachte ich kurze Zeit später, wie ein Tukan das Nest von kleineren Singvögeln auf einem Strommast zerpflückt und sich auf durch das Gezeter und die Angriffe der Eigentümer nicht von seinem Tun abbringen lässt.

 

 

 

Nach drei schweißtreibenden Nächten im Zelt und Temperaturen bis zu 48 Grad während der Fahrt am Lenker, suche ich mir in Uvita wieder eine Unterkunft mit einem klimatisierten Zimmer. Ich miete mich im Yethan House ein, nicht ganz günstig, dafür eine sehr schöne kleine Anlage abseits des Straßenlärms. Hier treffe ich Francis aus Cleveland / Ohio, der für vier Wochen zum Wandern hergekommen ist. Er ist 73 Jahre alt, wie sich sehr schnell im Gespräch herausstellt, Trump-Anhänger, der den kompletten Irrsinn der MAGA-Bewegung von sich gibt, vom Deep State über die jüdische Weltverschwörung bis hin zum angeblichen Steinkohleabbau Chinas in Grönland. Ein besonderes Anliegen sind ihm die illegalen Einwanderer in den USA. 40 Millionen Menschen, die nur wegen der Sozialleistungen ins Land kommen. Es ist unfassbar. Aber dieser Mann hat eine kleine Firma, kauft alte Häuser auf, renoviert sie, um sie dann wieder gewinnbringend zu verkaufen. Und hierfür beschäftigt er fünf illegal eingewanderte Männer aus Guatemala, denen er 20 Dollar pro Stunde schwarz bar auf die Hand bezahlt! Auf meine Frage, was er denn tun würde, wenn die ICE-Agenten seine Mitarbeiter aufgreifen und abschieben würden, antwortet er lapidar, dass er sich dann andere Illegale suche, denn amerikanische Staatsbürger fände er für diese Arbeit nicht! Und das Agieren der ICE-Agenten findet er völlig in Ordnung! Menschen gibt es…

 

 

Costa Rica hat so viel zu bieten und es ist ein bisschen schade, dass ich das diesmal nur von der Straße aus sehe. Allein die vielen Bäume, die jetzt in der Trockenzeit ihr Laub verlieren und in voller Blüte stehen, sind eine Pracht

 

Nach nur einer Woche verlasse ich Costa Rica schon wieder und mit Panama erreiche ich das zehnte Land meiner Reise und auch das letzte Land Mittelamerikas. Die Ausreiseabfertigung in Costa Rica wirkt ein bisschen chaotisch. Bevor man zur Passkontrolle geht, muss man auf der anderen Straßenseite in einem unscheinbaren Gebäude eine Gebühr in Höhe von 4700 Colones in bar bezahlen. Mit dem Einzahlungsbelegt geht es dann zurück, wo man sich seinen Stempel abholen kann. Entgegen vieler anderer Geschichten gestaltet sich die Einreise nach Panama als unproblematisch. Es wird nur gefragt, auf welchem Weg ich das Land wieder verlassen und wie lange ich bleiben will und schon ziert der nächste Stempel meinen Pass. Wie üblich, will ich mich gleich an der Grenze mit der Landeswährung, dem Balboa, versorgen. Der Geldautomat spuckt allerdings nur amerikanische Dollar aus. Ein Kuriosum. Der Wechselkurs des Balboa ist 1:1 dem US-Dollar angeglichen, Geldscheine in der Landeswährung gibt es nicht mehr, nur noch Münzen, es werden aber auch US-Münzen verwendet. Preise sind in Balboa angegeben und werden in Dollar bezahlt.  

 

 

Panama - an der Schnittstelle zu Südamerika

 

In Panama gibt es gleich zwei Hindernisse, die es zu überwinden gilt, bevor ich meine Reise in Kolumbien fortsetzen kann: Da ist einmal der Panama-Kanal mit seinen wenigen Brücken und dann gibt es da noch den Darién-Nationalpark. Dieser ist die größte Hürde auf dem Weg Richtung Süden und seit den USA immer wieder einmal Thema, wenn es um meine geplante Reiseroute geht. Dieser ca. 100km breite Urwald beiderseits der Grenze zwischen Panama und Kolumbien trennt Mittel- und Südamerika. Dort gibt es nur Dschungel, Sümpfe und Flüsse, aber keine Straße. Er gilt nicht nur wegen der Natur, sondern auch wegen der Kriminellen, die hier Flüchtlinge schleusen und Drogen schmuggeln als gefährlich und nicht passierbar. Allerdings gibt es auch keine Fährverbindung zwischen Panama und Kolumbien. Es bleiben daher nur zwei Möglichkeiten. Entweder man fliegt von Panama-City oder man sucht sich ein Boot, dass einen entlang der Küste über die Grenze bringt. Ich habe mich für die zweite, wesentlich kompliziertere und teurere Variante entschieden.

 

Der zehnte Grenzübergang seit meinem Start vor fast acht Monaten

 

Aber erst einmal geht es für mich weiter auf der Panamericana, der Hauptverkehrsachse des Landes, in Richtung Panama City. Überwiegend ist die Strecke autobahnähnlich ausgebaut. Kurz nach Grenzübertritt werde ich dann unerwartet zum Lebensretter. Nach all den toten Tieren auf der Straße, sehe ich am Fahrbahnrand eine kleine, gerade mal 10cm große Schildkröte, die sich anschickt, die Straße zu überqueren. Das ist ein aussichtsloses Unterfangen, denn selbst wenn sie es über die ersten zwei Fahrstreifen schaffen würde, der Bordstein in der Mitte ist für sie ein unüberwindliches Hindernis. Mein Angebot, mich zu begleiten, wird durch eindeutige Absetzbewegungen abgelehnt und so landet sie abseits der Fahrbahn im Straßengraben und schlägt hoffentlich eine andere Richtung ein.

 

 

 

Die erste Nacht in Panama verbringe ich David, der drittgrößten und laut Wikipedia heißesten Stadt des Landes. Da es hier absolut nicht Sehenswertes gibt, bin ich gleich am nächsten Morgen wieder in Richtung Süden unterwegs, wobei der Tag erst einmal frustrierend anfängt. Gleich beim Start stelle ich fest, dass der Hinterreifen fast keine Luft mehr hat. Die Ursache ist diesmal schnell gefunden. Es sind wieder einmal dünne Drähte von geplatzten LKW-Reifen, die durch den Mantel gegangen sind. Ursache gefunden und behoben. Aber als wäre ein Platten nicht genug, wird der Hinterreifen nach weniger als 20km schon wieder weich. Der zehnte Plattfuß auf 16.000km. Das Loch im Schlauch ist schnell gefunden, die Ursache aber nicht.

 

Nach zwei vergleichsweise sauberen Ländern kehrt in Panama der Müll an den Straßenrändern zurück, wenn auch nicht in so extremer Form wie in den meisten anderen Ländern hier in der Region. Aber ein Schild aufzustellen, ist offenbar auch keine Lösung

 

Mit den 16.000km, die hinter mir liegen, habe ich den 8. Grand nördlicher Breite erreicht. Das ist für mich schon ein besonderer Moment, denn es ist geografisch die Mitte zwischen dem 70. Grad nördlicher Breite, wo ich gestartet bin, und meinem Ziel auf 54 Grad südlicher Breite. Die Strecke bis zu meinem Ziel sollte wesentlich kürzer sein, weil ich bis hierher um fast 70 Längengrade in Richtung Osten bewegt habe, und es jetzt fast nur noch südlich weitergeht, dafür wird der zweite Teil durch die Anden Südamerikas noch eine ganz besondere Herausforderung. Ich bin ganz bestimmt nicht der Schnellste unter den Reisenden auf dieser Strecke, aber ganz so viel Zeit wie andere lasse ich mir auch nicht. An diesem Tag begegne ich zwei Amerikanern, von denen der jüngere auch in Prudhoe Bay gestartet ist, allerdings schon ein Jahr früher als ich. Carmen aus Lübeck und Paul aus Dresden, denen ich ein am nächsten Tag begegne, sind schon seit drei Jahre in Südamerika unterwegs.

 

 

Halbzeit - Zeit für ein kleines Tänzenchen auf der Panamericana, das ich aber lieber anderen überlasse

Begegnungen auf der Strecke 

 

Für die Nacht habe ich morgens ein Zimmer in Las Lajas gebucht. Dass ich eine Antwort auf per WhatsApp auf Deutsch bekomme, überrascht mich zwar, ist aber dank Google Übersetzer auch nicht ganz ungewöhnlich. Christian empfängt mich dann auch auf Deutsch – mit sächsischem Akzent. Er kommt ursprünglich aus Leipzig und hat sich hier vor einigen Jahren niedergelassen und das Hostel mit einem Fitnessstudio aufgebaut und eine Einheimische geheiratet. Die Mischung der unterschiedlichen Mentalitäten ist in seinem kleinen Reich durchaus erkennbar, und Christian passt sich offenbar dem mittelamerikanischen Lebensstil an. Alles ist prima, bis morgens um 06.00 Uhr im Gym die Hanteln poltern – zu Hause auch meine Zeit zum Trainieren, hier aber das plötzliche Ende der Nacht.

 

Es bringt überhaupt keinen Spaß, auf der Panamericana mit dem Fahrrad zu fahren, und ich nutze trotz einiger Extrakilometer gern Nebenstrecken. Die Route 5 ist dagegen ein Genuss. Schöne Landschaft, gute Straße, wenig Verkehr und einige Gespräche mit anderen Reisenden und Einheimischen.  Ein zweiter Abstecher führt mich nach El Valle de Antón. Es soll einer der schönsten Orte des Landes sein, der in dem Krater eines vor sehr langer Zeit erloschenen Vulkans liegt. Und genau da liegt das Problem. Denn das Höhenprofil der Strecke in dieses Tal habe ich gnadenlos unterschätzt. Mein Routenplaner schickt mich zuerst auf eine Piste, die schon im trockenen Zustand mit meinem schweren Rad nicht zu fahren ist. Ein leichter Regenguss, eigentlich kaum der Rede wert, verwandelt den Lehmboden zudem in eine glitschige Rutschbahn. Seit Vancouver muss ich das erste Mal meine Fahrradsandalen gegen festes Schuhwerk tauschen, weil ich sonst keinen Halt finde. Mit Müh und Not wuchte ich mein Fahrrad die Strecke nach oben, um dann mit bis zu 20% Gefälle in den Ort zu rollen, der total touristisch und sehr teuer ist. Ich hatte mir vorher schon ein Hostel ausgesucht, das auch Einzelzimmer haben soll, die aber ausgebucht sind. Schon vor dem Blick in die Schlafsäle weiß ich, dass ich kein Bett zwischen den ganzen jungen Backpackern haben will und schlage lieber wieder mein Zelt unter den Bäumen auf. Spätestens am nächsten Morgen beim Frühstück weiß ich, dass diese Art der Unterkünfte nichts für mich ist, als sich ein „Althippie“ mir gegenüber an den Tisch setzt, ungeniert sein Gebiss aus dem Mund nimmt und in der Hosentasche verstaut, um sich dann über seine Pfannkuchen und Bananen herzumachen. Ich bleibe noch eine ganze Weile auf dem Platz, weil es einfach faszinierend ist, die vielen verschiedenen Vögel in den Bäumen zu beobachten. Mehr als 500 Arten soll es in den Wäldern der Region geben. Vor allem Wanderer zieht es in die Gegend, zu einer Bergwanderung habe ich keine Lust und Besuche der Wasserfälle oder heißen Quellen sind nur gegen hohe Eintrittsgelder möglich. Nein danke. Glücklicherweise ist der Weg aus dem Krater nicht so steil wie der Hinweg und ich muss nicht schieben und kehre zwangsläufig zurück auf die Hauptstraße.

 

 

Die schöneren Plätze und Aussichten findet man meistens abseits der Hauptstraße, sind aber auch mit viel Schweiß verbunden

 

Mehr noch als Costa Rica ist Panama stark durch die USA geprägt und es geht vielen Menschen offenkundig besser als in anderen Teilen Mittelamerikas, was sich an den vielen teuren Fahrzeugen auf der Straße und an den gigantischen Shoppingmalls in jeder größeren Stadt zeigt, die ein Warenangebot haben, das keinen Vergleich mit Einkaufszentren in Deutschland scheuen muss. Irgendwie ist es auch erschreckend, dass man im Kühlregal Joghurt aus Deutschland und Käse aus Dänemark findet.

 

 

Shoppingtempel entlang der Panamericana - und man merkt die Sorge, dass Reisende verhungern könnten. Deswegen sind die nordamerikanischen Fastfoodketten flächendeckend präsent

 

Die erste der beiden großen Hürden Panamas liegt vor mir, der Panamakanal. Je näher ich der Hauptstadt komme, desto dichter wird der Verkehr und ich weiche wieder einmal auf eine Nebenstrecke aus. Sie ist tatsächlich deutlich verkehrsärmer, dafür aber über viele Kilometer eine Großbaustelle, weil über der Strecke eine moderne Hochbahnstrecke mit etlichen Bahnhöfen neu errichtet wird. Auch hieran erkennt man, dass Panama dank der Einnahmen des Panamakanals und der vielen Banken wirtschaftlich sehr gut dasteht. Ohne Probleme komme ich durch diesen Bereich und bin dann auf der acht- bis zehnspurigen Autobahn Richtung Süden. Alles ist neu und es scheint kaum Verkehr zu herrschen. Das ändert sich radikal, als ich das Ende der Ausbaustrecke erreiche. Die Straße verengt sich auf vier Fahrspuren, drei davon führen im Feierabendverkehr stadtauswärts und nur eine in Richtung Panama City. Der Verkehr staut sich über Kilometer in beide Richtungen und ich dränge mich irgendwie an den Fahrzeugen vorbei. Die Aussichtsplattform auf die alte Brücke „Las Americas“ liegt auf der anderen Straßenseite – keine Chance dorthin zu kommen. Nach Informationen aus dem Internet ist es verboten, die Brücke zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu überqueren, von anderen Radfahrern weiß ich aber, dass es einen schmalen Seitenstreifen gibt, auf dem man schieben oder vorsichtig fahren kann. Der Streifen ist sehr schmal. Aber der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht als Hindernis auf dem einzigen Fahrstreifen stadteinwärts unterwegs sein möchte und von aufgebrachten Autofahrern abgedrängt werde. Also hebe ich mein Rad über die Leitplanke und versuche zu schieben. Unmöglich. Ich stapele die Fahrradtaschen teilweise auf dem Gepäckträger, um überhaupt in die schmale Gasse zwischen Maschendraht außen und Reling zur Fahrbahn zu passen. Nur sehr langsam und mühsam komme ich vorwärts und zerreiße mir meine Fahrradhose an der Begrenzung zur Fahrbahn. Nach vielleicht 200 quälenden Metern endet die Reling und es bleibt nur noch ein ca. 30cm breiter Seitenstreifen. Gleichzeitig sehe ich, dass dieser auf der anderen Seite wesentlich breiter ist – das ist die Seite, von der mir entgegenkommende Radfahrer erzählt hatten… Dorthin zu gelangen ist unmöglich. Es gibt nur einen Ausweg: Alle Taschen wieder auf das Rad, auf die Fahrbahn und irgendwie zwischen den Autos auf die andere Seite gelangen. Es ist wirklich überraschend für mich, wie die Autofahrer reagieren. Drei oder vier Fahrzeuge überholen mich sehr langsam und vorsichtig und danach folgt mir die Schlange in meinem Tempo. Ich gebe Gas und versuche so schnell wie möglich wieder von der Fahrbahn zu verschwinden. Alles geht gut und ich bin froh, dieses Hindernis überwunden zu haben, auch wenn ich gern noch das eine oder andere Foto von oben gemacht hätte, was aber wahrscheinlich zu Tumulten der Autofahrern geführt hätte.

 

 

 

Drei Nächte bleibe ich Panama City. Mein Eindruck: Eine Stadt zwischen schick und schäbig. Und das oft unmittelbar nebeneinander. Da ist die etwa fünf Kilometer lange schicke Promenade mit Blick auf die beeindruckende Skyline des Bankviertels, die keine Vergleich mit nordamerikanischen Großstädten scheuen muss. Daneben die Altstadt mit den Regierungsgebäuden, Restaurants, Kirchen, Souvenirgeschäften und Denkmälern, wo sich die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen durch die Gassen drängen, und dann gibt es die Stadtteile, in die man als Fremder besser nicht geht. Wiederholt werde ich gewarnt, z. B. nicht in den Stadtteil San Miguel zu gehen. Einmal habe ich mich auf dem Weg zu den Schleusen kurz verfahren und werde von einer Fahrradstreife der Polizei zurück auf die Hauptstraße begleitet mit der ausdrücklichen Warnung, diesen Stadtteil auf jeden Fall zu meiden – egal ob tags oder nachts. Der Besuch der Schleusen des Panamakanals ist eine Enttäuschung. Das Besucherzentrum mit Tribüne und großem IMAX-Kino liegt an den alten Schleusen. Die wirklich großen Pötte werden in den neue Schleusen abgefertigt, wohin man aber nicht hinkommt. Interessant ist der Film über die Geschichte und Bedeutung des Kanals, der von Morgan Freeman kommentiert wird, aber 17 Dollar Eintritt für Kino und Tribüne ist auch ein stolzer Preis. 17 Dollar scheint hier der Einheitspreis für die wenigen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu sein, denn den gleichen Preis zahle ich im modernen und architektonisch interessanten Biodiversitätsmuseum wie auch bei den Ruinen von Panamá Viejo, der ersten von den Spaniern errichteten Stadt in dieser Gegend.

 

 

Und Vorsicht mit Omas Gummibaum. Ruckzuck wächst er einem über den Kopf

 

Mein nächstes Ziel ist Puerto de Carti. Von hier legen die Boote in Richtung Kolumbien ab. Es gibt verschiedene Optionen für die Überfahrt. Die teuerste Variante ist ein fünf bis sieben Tage dauernder Segeltörn mit Zwischenstopps auf den San Blas Inseln. Wie mir von einem anderen Radfahrer erzählt wurde, im Grunde eine Dauerparty für mehr als 700 Dollar – nicht mein Ding. Es gibt auch die Möglichkeit die San Blas Inseln mit einem offenen Boot zu besuchen und dort zu übernachten, bevor man unmittelbar vor der Grenze abgesetzt wird, dort die Ausreiseformalitäten erledigt und dann mit einem anderen Boot nach Kolumbien weiterfährt. Kosten: ca. 500 Dollar. Die kürzeste und schnellste Variante ist eine etwa 9stündige Fahrt vor der Küste direkt bis zur Grenze oder bis kurz dahinter nach Kolumbien. Der Preis hierfür einschließlich Fahrrad liegt bei 200 Dollar. Dann ist da aber noch die Geschichte mit dem Wetter. Der Januar ist wegen der starken Winde der ungünstigste Monat für die Überfahrt und die Prognose für die nächsten Tage ist sehr ungünstig. Zwar habe ich einen Kapitän gefunden, der mich rüberbringt, aber die nächste Tour plant er erst in knapp einer Woche, sodass ich hier jetzt erst einmal in Chepo festsitze. Direkt nach Puerto de Carti weiterzufahren ist sinnlos, weil es dort keine Unterkünfte und auch keine Möglichkeit zum Zelten gibt. Fünf bis sechs Tage in diesem kleinen Provinzstädtchen zu verbringen ist auch nicht besonders verlockend, sodass ich noch einen Plan entwickeln muss, wie ich die Zeit überbrücke, bis es weitergeht nach Südamerika. Ich werde berichten.

 

 

Geschafft! Mit Hindernissen bin ich in Südamerika angekommen

 

Chepo ist nicht der Ort, wo ich mich bis zur avisierten Bootspassage an die Grenze zu Kolumbien aufhalten möchte. Aber die Alternativen sind eher begrenzt. Die Möglichkeit, weiter in die Sackgasse bis an den Rand des Darién Nationalparks und wieder zurück zu fahren, schließe ich für mich aus. Aber auch die Küsten sind hier in der Gegend kaum zu erreichen. Also entschließe ich mich, auch noch das andere Ende des Panamakanals in Colon zu besichtigen. Das bedeutet, zurück nach Panama City und dann Richtung Karibik abbiegen. Alles kein Vergnügen und ich bin wieder mitten im Großstadtverkehr. Auch als ich an der Hauptstadt vorbei bin, wird die Strecke nicht attraktiver, und es scheint so, als gebe es bis Colon keine Unterkunft oder einen Campingplatz. Bis Colon ist es an einem Tag viel zu weit. Noch einmal etwas gründlicher im Internet gesucht, finde ich einige Kilometer abseits der Hauptstraße in El Limon die Eco Jungle Lodge, wo es Zimmer und auch die Möglichkeit zu zelten geben soll. Ich habe keine andere Wahl. Pünktlich zum Sonnenuntergang biege ich von der Hauptstraße ab, und schnell wird es dunkel. Grundsätzlich versuche ich, es zu vermeiden, in der Dunkelheit zu fahren. Immerhin ist die Straße überraschend gut ausgebaut und es herrscht kaum Verkehr. Die Zufahrt zur Lodge verpasse ich und lande im Ort, wo ich gleich bei einem der ersten Häuser nachfrage. „El gringo“ bekomme ich nur zur Antwort und sofort zieht sich der Mann ein T-Shirt über und bringt mich zu Fuß zu dem eingezäunten und verschlossenen Gelände der Lodge, das ich im Vorbeifahren in der Dunkelheit nicht erkannt habe. Die fehlende Klingel ersetzt mein Begleiter durch lautes und ausdauerndes Rufen, was durch Hunde auf dem Anwesen beantwortet wird. Allein wäre ich da nie reingekommen. Nach geraumer Zeit erscheint Al, ein Kanadier, dem die Lodge zusammen mit seinem Vater gehört mit umgeschnallter Pistole am Tor. Die Gegend ist nicht sicher, und man weiß ja nie, wer da so einen Krach macht. Al erklärt, dass sie eigentlich keine Übernachtungsgäste oder Camper mehr aufnehmen, woraufhin ich ihn auf seinen eigenen Eintrag im Internet hinweise und die Tatsache, dass es für mich um diese Zeit keine Alternative mehr gibt. Er hat ein Einsehen und abseits Haupthauses gibt es eine Unterkunft mit einigen Zimmer, wo ich auf der überdachten Terrasse mein Zelt aufschlagen und das sehr gute Bad mit heißer Dusche eines der Zimmer nutzen kann. Auch sonst ist alles da, was ich gebrauche, einschließlich trinkbarem Leitungswasser und einer vollständigen Outdoorküche.

 

 Mein kleines Reich im Regenwald

 

Am nächsten Morgen mache ich einen kleinen Spaziergang durch den Regenwald direkt am Lago Gatún, durch den auch der Panamakanal verläuft, und komme bei den Hauptgebäuden der Lodge raus, wo ich Al wieder antreffe, und er mir bei einem starken Kaffee erzählt, dass sein Vater das Gelände entdeckt hat, und sie hier auf ca. 20 Hektar Regenwaldgrundstück ihre Lodge aufgebaut haben, wobei die meisten „Häuser“ aufgeschnittene und ausgebaute Überseecontainer sind. Das Hauptgeschäft sind heute Kreuzfahrttouristen, die für eine Bootsfahrt auf dem See und ein Picknick im Urwald hergefahren werden – bis zu 20 Busse kommen manchmal am Tag an. Nur zu verständlich, dass man sich nicht mehr mit einzelnen Übernachtungsgästen aufhält. Weil Colon als nicht besonders attraktiv und gefährlich gilt, und ich hier mein kleines, ungestörtes Reich im Wald habe, entschließe ich mich spontan eine weitere Nacht zu bleiben.

 

 

Enttäuschend ist nur, dass ich bis auf einen kleinen Schwarm Tukane kaum Tiere zu Gesicht bekomme. Im Gewusel der Reisebusse und Tagesgäste reise ich nach zwei Nächten wieder ab und schlafe noch einmal in Panama City. Bis zur geplanten Überfahrt nach Puerto Obaldia sind es noch drei Tage, es gibt also keine Grund zur Hetze.

 

 

 

Bis auf den Großstadtverkehr ist die erneute Fahrt in Richtung Darién relativ entspannt. Je weiter ich mich von der Hauptstadt entferne, desto weniger Verkehr herrscht auf der Panamericana, und ich komme schnell bis El Llano. Und hier hört der Spaß endgültig auf. Ich habe über die letzten 40km bis Puerto de Cartí schon einiges gehört und überlege, mir eine Mitfahrgelegenheit für die Strecke zu suchen. Aber der Ehrgeiz, auch die letzten Kilometer in Mittelamerika aus eigener Kraft zurückzulegen, überwiegt. An einer Tankstelle mache ich mit Blick auf den Beginn der Piste bei Kaffee und Eis noch eine Pause. Der Anblick ist schon fast furchteinflößend. Nur wenige hundert Meter nach der Einmündung geht es steil nach oben. Und es handelt sich nicht um eine optische Täuschung. Es geht so steil bergauf, dass ich gleich an dieser ersten Herausforderung vom Rad muss und mein schweres Rad nach oben schiebe. Wohlweißlich habe ich an der Tankstelle die Schuhe gewechselt, denn die Fahrradsandalen geben hierfür nicht genügend Halt. Es geht immer weiter in schneller Folge steil bergauf und -ab, und obwohl ich kurze Anstieg bis zu 19% fahre (bin stolz auf mich!), muss ich abermals vom Rad und in ganz kleinen Etappen mit Pausen zum Luftholen und Puls runterfahren schieben. Nach zehn Kilometern habe ich mit 420m den höchsten Punkt der Strecke erreicht, wo ich eine Übernachtung in der „Konsenda San Blas“ gebucht habe. Sie liegt nur 50m abseits der Straße, das waren aber mit Abstand die steilsten und schwersten 50m des Tages. 40 Dollar habe ich für diese Unterkunft bezahlt, und ich weiß nicht, womit dieser Preis gerechtfertigt sein sollte, außer vielleicht mit der exklusiven Lage auf dem Berg an einer Strecke, wo es sonst nichts gibt. Alles ist grob zusammengenagelt, der Boden teilweise abgesperrt, weil die Bretter von Termiten zerfressen sind, Gemeinschaftstoilette, das einzige Waschbecken in einer Ecke offen in dem Zugangsbereich zu den Zimmern. Es gibt auch Hütten, aber die sind mehr als doppelt so teuer. Die wirkliche Herausforderung kommt aber erst in der Nacht. Es ist stürmisch und regnet ist Strömen – und einige der Wellblechdachplatten sind nicht mehr richtig bestfestigt und knallen bei jeder Böe laut auf den Dachstuhl. Na dann, gute Nacht. Der Regen hält den ganzen Vormittag an und ich nutze die Zeit, um die bunten Vögel zu beobachten, die in den Bäumen vor der Terrasse Schutz suchen. Viele Kolibris schwirren umher und auch ein kleiner Tukan nimmt direkt vor mir in einem Baum Platz. Immerhin.

 

 

 

Die letzten Kilometer bis Puerto de Cartí liegen noch vor mir und ich muss morgen sehr früh dort sein, um das Boot nicht zu verpassen, das heißt, irgendwo am Anleger mein Zelt aufbauen und dort übernachten. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. 30km und ich bin auf dem höchsten Punkt der Strecke. Das hört sich nach einem entspannten Nachmittagsprogramm an. Das Höhenprofil sieht auch nur halb so wild aus bis auf zwei steile Anstiege. Das Höhenprofil und auch die Angaben der Höhenmeter sind aber ein Witz. Mein Routenplaner weist für die Strecke von Panama City bis Puerto de Cartí auf 112km 1230 Höhenmeter aus, tatsächlich sind es aber 1770, wovon allein auf die letzten 30km 760 Höhenmeter entfallen – und ich bin auf dem höchsten Punkt der Strecke und fahre runter auf Meeresniveau! Wer diese Straße geplant hat, wollte vermutlich eigentlich viel lieber Achterbahnen bauen. Es geht nur rauf und runter. Aber nicht irgendwie, sondern immer steil und kurvenreich. Bei einem Gefälle von 24% und einer anschließenden Kurve lässt man nicht einfach rollen, sondern hat die Bremsen immer fest im Griff und hofft, dass der Schwung ein bisschen hilft, den nächsten steilen Anstieg zumindest zum Teil wieder nach oben zu kommen. Und wehe man hat vergessen, den kleinsten Gang einzulegen, dann ist sofort Schluss, und es heißt wieder schieben. Das einzig Gute, was man über diese Straße sagen kann, ist die sehr gute Qualität des neuen Asphalts, sodass man nicht auch noch Schlaglöchern ausweichen muss, und dass kaum Verkehr herrscht, sodass ich bei meinen Versuchen, möglichst lange im Sattel zu bleiben, auch mal die ganze Straßenbreite ausnutzen kann. Den Fehler des Tages mache ich gleich nach dem Start, als der Fahrer eines großen SUV anhält und fragt, ob es mich mitnehmen soll, und ich angesichts der vermeintlich leichten Etappe noch voller Elan abwinke. Einen Schreckmoment muss ich nach etwa der Hälfte der Strecke überstehen. Ein deutsches Paar, das ich in der letzten Unterkunft getroffen hatte, berichtete schon, dass sie eigentlich auf die San Blas Inseln wollten, aber wegen des ungünstigen Wetters die Zufahrt zu den Anleger gesperrt ist und keine Boote rausfahren dürfen. Jetzt stehe ich an einem Checkpoint, den zwei Flaggen des in dieser Region ansässigen indigenen Volkes der Guna zieren, von denen besonders die Flagge in den Farben Spaniens mit einem Hakenkreuz irritiert. Zuerst überprüft ein Soldat meinen Pass, dann stehe ich vor zwei Frauen in der traditionellen Tracht der Guna und erklären, dass keine Boote fahren und nicht weiterfahren darf. Mir gehen alle möglichen Szenarien durch den Kopf und vor allem die Vorstellung hier den Rückweg antreten zu müssen, ist niederschmetternd. Mit Hinweis auf die günstige Prognose für den nächsten Tag, die gebuchte Überfahrt und nachdem einer der Frauen mit dem Kapitän der Lancha telefoniert hat, darf ich meine Fahrt fortsetzen, nachdem ich den üblichen „Eintrittspreis“ für das Gebiet der Guna in Höhe von 20 Dollar entrichtet habe. Gerade noch einmal gut gegangen.

 

 

So komme ich völlig ausgepumpt und klatschnass geschwitzt an meinem Tagesziel an. Ein Ort, der abschreckender kaum sein könnte. Schäbig, schmutzig und es gibt weder Unterkünfte noch die Möglichkeit etwas einzukaufen. Ich versuche mich zu „Hector“ durchzufragen, dem Kapitän, bei dem ich die Überfahrt gebucht habe, den aber keine kennt und werde überall auf den nächsten Morgen vertröstet. Am Anleger treffe ich einen anderen Radfahrer an, Ricardo aus San José in Costa Rica. Er hatte mich mit seinem Fahrrad auf der Ladefläche eines Pickups auf der Strecke nach Puerto de Cartí überholt, und auch er hat einen Platz in Hectors Boot reserviert und keine näheren Informationen, ob die Fahrt tatsächlich stattfindet. Wir bauen unsere Zelte unter einem Dach am „Ticketschalter“ auf und vertrauen darauf, dass alles gut wird. Erstaunlicherweise ist an dem Anleger die ganze Nacht Betrieb, was einen ruhigen Schlaf kaum zulässt. Gegen 05.00 Uhr kommen immer mehr große Fahrzeuge an und bringen die Passagiere für die San Blas Inseln, Einheimische wie Touristen. An Schlafen ist nicht mehr zu denken und da wir auch im Weg sind, packen wir schon in der Morgendämmerung unsere Zelte, obwohl wir erst gegen 08.30 Uhr losfahren sollen. Mit der Zeit füllt sich der vorher verwaiste riesige Platz mit großen SUV und Pickups und es herrscht dichtes Gedränge auf allen Stegen. Offenkundig ist der Bootstransfers ein sehr einträgliches Geschäft.

 

 

 

Nicht nur über die Straße zum Anleger, auch über den Umgang mit den Fahrrädern hört man hier nicht viel Gutes. Die Räder werden zusammen mit dem ganzen anderen Gepäck der Passagiere irgendwie im Boot verstaut. Aus dem Gehörten habe ich für mich entschieden, mir in Panama City in einem Baumarkt eine stabile Folie zu kaufen und mein Rad (fast) wie auf einem Flug zu verpacken. Also Pedale abschrauben, Lenker querstellen und dann alles in die Folie einwickeln, verkleben und Griffe reinschneiden, damit man es auch gut anpacken kann. Weil die Folie viel zu groß ist, schneide ich sie einmal in der Mitte durch und biete den Rest Ricardo für sein Fahrrad an. Er nimmt sie, will sie aber nur über das Rad gegen das Spritzwasser decken. Auf den Schiffsboden kommen die Fahrradtaschen, darauf mein Fahrrad und obendrauf Ricardos Rad. Ein dritter Radfahrer kommt auch noch an, Flo aus Montreal und schon seit 1 ½ Jahren seit Vancouver unterwegs. Sein Fahrrad bekommt als Schutz Mülltüten übergezogen und landet hinten im Boot auf den Benzinkanistern. Als alle Fahrgäste an Bord sind und das gesamte Gepäck verstaut ist, beginnt die neunstündige Überfahrt.

 

 

Nach den stürmischen Winden der letzten Tage ist es heute fast windstill und auch der angesagte Regen bleibt aus, stattdessen kommt immer wieder die Sonne raus – perfekte Bedingungen für die Tour durch das Paradies der San Blas Inseln, die wir auch tatsächlich anlaufen und immer wieder Passagiere absetzen und neue aufnehmen. Hauptsächlich sind es junge Backpacker, die ein paar Tage auf den Inseln waren und jetzt mit ihren schweren Rucksäcken zusteigen. Die Rucksäcke landen natürlich oben auf unseren Fahrrädern und werden mit einer Plane abgedeckt. Ein Karibiktraum folgt dem anderen. Manche Inseln sind umlagert von Segelschiffen, die ihre Kunden für viel Geld herumfahren, andere sehen aus wie aus einem Comic und man erwartet, dass ein langbärtiger Schiffbrüchiger unter einer Palme sitzt. Und da sind die Inseln mit den Dörfern der Kuna, Häuser und Hütten, meistens aus den Materialien errichtet, die die Natur so hergibt, dicht an dicht bebaut und die den Eindruck vermitteln, dass neugierige Touristen hier nicht erwünscht sind.

 

 

Nach einigen dieser Zwischenstopps verlassen wir die Inselkette und jetzt geht es stundenlang über die offene See, wo wir durch die hohe Dünung der vergangenen Tage schippern. Das lange Sitzen auf den harten Bänken ohne Bewegungsmöglichkeit und der Lärm der beiden Außenborder sind auf Dauer eine Tortur. Ein Pinkelpause gibt es in einem der Kuna-Dörfer, wobei das öffentliche Klo am Steg ein nach unten offenes Klo ist – ohne Umweg direkt ins Meer…

 

 

 

Nach mehr als achtstündiger Überfahrt erreichen wir Puerto Obaldia, wo wir am Strand aussteigen. Durch die verspätete Abfahrt und die vielen Zwischenstopps sind wir zu spät angekommen, um die zwingend erforderlichen Ausreiseformalitäten noch zu erledigen und müssen hier übernachten. Also alles Gepäck von Bord, Fahrrad auspacken und zusammenbauen. Jetzt stellt sich heraus, dass sich meine Vorsicht und der etwas größere Aufwand ausgezahlt haben. Alles ist heil und nach zehn Minuten bin ich abfahrbereit. Ricardo hatte nicht so viel Glück. Sein Hinterrad ist von den schweren Rucksäcken so stark verbogen, dass ein Fahren ausgeschlossen ist und er in Kolumbien in die erste sich bietende Fahrradwerkstatt muss, um es richten zu lassen.

 

 

Die Organisation in Obaldia ist perfekt. Ein Einheimischer kümmert sich um den Weitertransport für kleines Geld am nächsten Morgen nach Capurganá in Kolumbien, vermittelt günstige Unterkünfte und ist morgens zur Stelle, um bei den ziemlich bürokratischen und langwierigen Ausreiseformalitäten zu unterstützen und uns zum nächsten Boot zu begleiten. Wir sind ein bunte Gruppe aus Radfahrern und Backpackern, in der die Deutschen in der Mehrheit sind. Während alle anderen ihre Zelte aufgeschlagen haben, leiste ich mir den kleinen Luxus (15 Dollar) eines schlichten Hotelzimmers. Wieder einmal eine gute Wahl, denn es hat die ganze Nacht hindurch geregnet.

 

 

Die kurze Fahrt in dem kleineren Boot ist wesentlich unangenehmer als die Fahrt am Vortag, denn immer wieder schlägt der Rumpf hart auf die Wellen und staucht jedes Mal die Wirbelsäule. Capurganá ist der kleine, abgeschiedene Grenzort auf kolumbianischer Seite – ich verlasse Mittelamerika nach nur eineinhalb Monaten und setze meinen Fuß auf südamerikanischen Boden. Der erste Weg führt zur Grenzkontrolle in der „Fußgängerzone“ des Ortes und ohne viel Aufhebens ziert der nächste Stempel meinen Pass. Das elfte Land der Reise ist erreicht. Da es gerade einmal Mittagszeit ist, stellt sich die Frage, ob es noch am selben Tag nach Necoclí weitergeht, das gemeinsame Ziel fast aller Mitglieder unserer Zufallsgruppe. Der Ort liegt auf der anderen Seite des Brazo Leon Rio Artato und von dort führt eine Straße weiter in Richtung Süden. Die offizielle Fähre geht heute nicht mehr, aber der Kapitän einer Lancha bietet sich für die ca. 1 ½stündige Überfahrt an. Letztendlich scheitert es am Preis, den einige der Backpacker nicht bezahlen wollen, und da es ein Pauschalpreis für das ganze Boot ist, wird es immer teurer für den Einzelnen, je weniger mitmachen. Wahrscheinlich wird die Fähre zumindest für die Radfahrer wesentlich teurer. Aber uns bleibt nichts anderes übrig, als die erste Nacht auf südamerikanischen Boden hier zu verbringen. Es gibt deutlich schlechtere Orte dafür – siehe Puerto de Cartí – und die Auswahl an günstigen Hotels und Hostels ist groß!

 

 

 

Es ist der letzte Akt auf dem Weg von Mittel- nach Südamerika, die dritte Bootsfahrt von Capurganá nach Necoclí. Diesmal handelt es sich nicht um eine Lancha, sondern um eine "Fähre". Der Unterschied besteht im Wesentlichen darin, dass mehr Menschen ins das Boot passen und dass am Heck nicht zwei, sondern vier leistungsstarke Außenborder hängen. Und vom Kauf der Fahrkarte bis zum Besteigen ist alles wesentlich komplizierter und bürokratischer. Wie erwartet, ist die Fähre deutlich teurer als das gestrige Angebot für die Überfahrt, weil man nicht nur ein Ticket für sich benötigt, sondern auch das Fahrrad und das Gepäck über der Freigrenze von 10kg extra bezahlt werden müssen. Insgesamt kommen so 49 Dollar für die letzte Etappe zusammen. Es gießt in Strömen und noch einmal bereite ich mein Fahrrad für die Überfahrt vor und hülle es in die Folie. Immerhin hört es mit dem Ablegen vom Steg auf zu regnen und nach 1 1/2 Stunden endet das kleine aber zeitaufwändige Abenteuer der Umfahrung des Darién Nationalparks am Anleger von Necoclí. Meine Folie hat sich bewährt, alles ist heil und trocken angekommen. Flo und die Backpacker werden mit dem Nachtbus nach Medellin fahren, Ricardo muss sich um die Reparatur seines Fahrrades kümmern, und ich bleibe noch eine Nacht hier, um dann morgen meine Fahrt Richtung Süden wieder allein fortzusetzen.  

 

¡Bienvenidos a Colombia!