So langsam füllt sich der Reisepass mit den Ein- und Ausreisestempeln der Staaten, die ich auf meiner Tour besucht habe. Inzwischen bin ich in Costa Rica angekommen, und es ist bereits das neunte Land in gut sieben Monaten. Nach Guatemala komme ich nach El Salvador, aber trotz eines Ruhetages in San Salvador, habe ich mich nur fünf Tage aufgehalten. Bei meiner Einreise habe ich noch immer den Inhalt eines Buches im Hinterkopf, in dem eine anderer deutscher Radreisender berichtete, dass ihm die Polizei für 150 Dollar aus Sicherheitsgründen eine Eskorte stellte. El Salvador hatte eine der höchsten Mordraten auf der Welt und galt als extrem gefährlich. Seit der derzeitige Präsident Bukele im Amt ist, wird rigoros gegen die Bandenkriminalität vorgegangen und die Mordrate ist auf den niedrigsten Stand Lateinamerikas gesunken. Wie schon davor in Mexiko, habe ich nie das Gefühl gehabt, dass ich in irgendeiner Weise in Gefahr war.
Allerdings bin ich auch hier auf Nummer Sicher gegangen und mich fast ausschließlich auf den Hauptstraßen bewegt, was bei dem Verkehr auch nicht vergnügungssteuerpflichtig ist. Besonders der zweite Tag, an dem ich in die Hauptstadt San Salvador fahre, hat es in sich. Circa 20km Baustelle auf der autobahnähnlichen Straße, meistens bergauf und teilweise ohne Seitenstreifen, sind nicht nur anstrengend, sondern zeitweise auch gefährlich. Erst kurz vor der Stadtgrenze ist der Neubau der Straße weitgehend abgeschlossen und mit drei bis vier Fahrstreifen plus Seitenstreifen lässt es sich trotz des Lärms und der Abgase der Fahrzeuge recht entspannt fahren. Überrascht bin ich über das gut ausgebaute Straßennetz, auf dem ich in die Stadt hineinfahre. Es gibt zwar keine Radwege und die Querung von Aus- und Einfahrten ist immer eine besondere Herausforderung, aber ohne das vielerorts übliche Verkehrschaos erreiche ich das Stadtzentrum.
Ganz anders als in Guatemala City bin ich überrascht, wie sich San Salvador herausputzt. In der Nähe meines Hotels liegt die „Plaza Simón Bolívar“, ein kleiner Park mit einer Reiterstatue des südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfers. Er ist wie aus dem Ei gepellt und alles wirkt neu, sauber und modern. Eine Tafel am Sockel des Denkmals gibt Auskunft darüber, dass die Neugestaltung des Platzes 2025 abgeschlossen wurde und der Ort nach einer Phase der Verwahrlosung den Menschen zurückgegeben werden soll – wie es aussieht, mit Erfolg.
Offenbar war die ganze Innenstadt rund um den Nationalpalast ein riesiger Weihnachtsmarkt, der gerade wieder abgebaut wird. Direkt zwischen dem Nationalpalast und der Kathedrale von San Salvador stand auf der Plaza Gerardo Barrios wohl der größte Weihnachtsbaum, den ich je gesehen habe, der gerade mit Hilfe eines riesigen Autokrans Stück für Stück demontiert wird. Der Kontrast zu den historischen Bauwerken steht auf der der Kathedrale gegenüberliegenden Seite: Die etwas groß ausgefallene, moderne Nationalbibliothek, mit Hilfe Chinas errichtet und erst vor wenigen Jahren eingeweiht.
Natürlich besuche ich auch die Kathedrale, aber viel eindrucksvoller ist ein paar Straßenzüge entfernt die Iglesia el Rosario. Von außen sieht sie aus, wie ein Militärflugzeughangar, aber die bunten Glasbausteine in der Betonhülle und die puristische Ausgestaltung des Inneren geben ihr ein eine ganz besondere Athmospäre. Auch in den Abendstunden halten sich viele Menschen in der Innenstadt auf. Die allgegenwärtige Polizei- und Militärpräsenz gepaart mit der Neugestaltung vieler Straßenzüge sorgen auch bei mir dafür, dass ich mich nach Einbruch der Dunkelheit nie unsicher fühle.
Wie schon die Fahrt in die Hauptstadt, ist auch der Weg hinaus Richtung San Miguel im dichten Berufsverkehr kein Vergnügen. Erst als sich die Straße auf zwei Fahrstreifen verengt, gibt es breite Seitenstreifen, wo ich sicherer unterwegs bin. Nach 130km auf der „offiziellen“ Panamericana, erreiche ich den Stadtrand von San Miguel. Der Ort wird mir in erster Linie wegen eines Einkauferlebnisses in einem Supermarkt in Erinnerung bleiben. Weil meine Vorräte weitgehend erschöpft sind und die Supermärkte in den Großstädten eine wesentlich bessere Auswahl haben als auf dem Land, will ich noch eben schnell etwas einkaufen. Dabei habe ich die Zeitrechnung allerdings ohne die Kassiererin gemacht. Ich reihe mich in eine kurze Schlange ein und erwarte, in spätestens fünf Minuten meine Einkäufe in den Packtaschen zu verstauen. Gefühlt hat es allerdings mindestens eine halbe Stunde gedauert, bis ich bezahlt habe. Allein der eine Kunde vor mir, der nur eine Flasche mit einem Erfrischungsgetränk hat, dann aber noch Zigaretten haben möchte, nimmt mindestens fünf Minuten in Anspruch. Die Schlange wird immer länger und niemand sagt etwas, niemand wird ungeduldig, niemand wechselt zu einer anderen Kasse…
Die lange Etappe in der Hitze vom Vortag steckt mir noch in den Beinen und so fahre ich die kurze Etappe von San Miguel bis an die Grenze von Honduras. Alles wirkt hier chaotisch und ich schlägele mich mit meinem Fahrrad durch die wartenden Lkw und werde irgendwie zu den richtigen Stellen für die Ausreise aus El Salvador und die Einreise nach Honduras gelotst. Diese ist modern und wirkt noch nicht richtig fertig und erstmals auf der Reise werden für die Einreise alle zehn Fingerabdrücke und ein Foto von mir aufgenommen. Nach Zahlung einer Gebühr von drei Dollar bekomme ich den Stempel in den Pass und gehe unmittelbar hinter der Grenze in ein kleines Hotel, wo sich es sich rächt, dass ich nicht ein paar Euro mehr für ein Zimmer mit Klimaanlage nehme, denn vor lauter Hitze bekomme ich kaum einen erholsamen Schlaf. Anders als El Salvador hat Honduras die Kriminalität nicht im Griff. Das Land gilt als eines der gefährlichsten auf der Welt. Einige Radreisende umgehen es deswegen und nehmen ein Boot, um von El Salvador nach Nicaragua zu kommen. Ich habe mir vorgenommen, auf der Panamericana das Land in einem Tag zu durchqueren. Es sind ja nur 130km. Die Straße ist in einem sehr guten Zustand und ich kann fast durchgängig auf einem guten Seitenstreifen ein Stück abseits des Verkehrs fahren. In den wenigen größeren Ortschaften sind alle nordamerikanischen Fastfoodketten vertreten und sorgen dafür, dass ich unterwegs keinen Hungertod erleide. Völlig unbehelligt und auch hinsichtlich des Verkehrs ohne irgendwelche Probleme erreiche ich am späten Nachmittag die Grenze zu Nicaragua. Ob Honduras für Touristen wirklich gefährlich ist, kann ich aus dieser kurzen Momentaufnahme nicht beurteilen. Ein Transit auf der Panamericana ist aber aus meiner Sicht kein Problem.
Es gibt nur wenige Bilder aus Honduras, so richtig interessant ist die Fahrt auf der Panamericana nicht
Schlichter kann man den Wechsel von einem Land in das andere wohl kaum markieren - Brücke über den Grenzfluss Rio Guasaule
Nicht nur Honduras, sondern mit Nicaragua liegt gleich das nächste Land auf der Route, dass man nicht nur sehr kritisch betrachten kann, sondern muss. Das totalitäre Regime rund um den Präsidentenclan unterdrückt in der Bevölkerung alles, was ihre Macht infrage stellt. Die Einreise ist erst einmal ein bürokratischer Akt. Zwar werden hier keine Fingerabdrücke genommen, dafür ist es schon ein kleines Problem, dass ich keine Hotelbuchung vorweisen kann. Und bis hin zur Marke meines Fahrrades wird alles Mögliche notiert. Schließlich zahle ich 13 US-Dollar Gebühren, die sich aus zwei Teilbeträgen zusammensetzen und kann – ohne Stempel im Pass – die Grenze passieren. Nicaragua ist in Mittelamerika das ärmste Land. Trotzdem und für mich überraschend, ist die Panamericana auf der gesamten Strecke in gutem bis sehr gutem Zustand und hat überall einen breiten Seitenstreifen, auf dem ich gefahrlos durchs Land komme. Überraschend für mich ist auch, dass hier wesentlich weniger Müll in der Landschaft verteilt ist, als in den anderen Ländern, was vielleicht daran liegt, dass die Menschen hier viel weniger haben, denn die Armut ist offensichtlich. Immer wieder komme ich an Behausungen direkt am Fahrbahnrand vorbei, deren Wände nur aus schwarzen Plastikfolien bestehen. Pferde- und Ochsenkarren gehören zum alltäglichen Straßenbild und in einer Gegend werden in zahlreichen „Ziegeleien“ mit einfachsten Mitteln Ziegelsteine hergestellt und gebrannt.
Entsprechend der Armut im Land sind auch die Preise sehr niedrig. Eine gute Mahlzeit mit Getränk ist für umgerechnet vier Euro zu haben. Viel Geld, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Bevölkerung mit zwei Dollar pro Tag klarkommen muss. Dass man in einem solchen Land seine Ansprüche herunterschrauben muss, stelle ich in der nächsten Unterkunft fest. Das Zimmer winzig, das „Bad“ durch einen Vorhang abgetrennt. Dusche? Jein – Wasser aus der Leitung gibt es nur sporadisch, dafür steht in der Ecke ein Bottich mit Wasser und einer Schüssel.
Nicht zum ersten Mal gibt es nur zeitweise fließendes Wasser, dass die Dusche aus einer Wassertonne mit einer Schüssel besteht, ist aber neu. Heißes Wasser in der Dusche ist allerdings überall die Ausnahme, und manchmal ist der Duschkopf dann ein Durchlauferhitzer. So richtig gut fühle ich mich nicht dabei, wenn über mir die Stromleitungen in der Dusche irgendwie zusammengeknotet und isoliert sind.
Der nächste Tag bringt dann seit langer Zeit wieder einmal eine Begegnung mit einer anderen Radreisenden. Es ist Xhuljeta aus Italien. Da wir in der gleichen WhatsApp-Gruppe für Radreisende sind, und sie durch ihren ausgefallenen Namen und ihre vielen Fragen in die Gruppe auffällt, habe ich schon fast damit gerechnet, sie hier in Nicaragua zu treffen. Nach einem gemeinsamen traditionellen Mittagessen – nein, es waren keine Iguanas, die hier immer wieder am Straßenrand lebend zum Verkauf angeboten werden – und einem längeren Austausch über die bisherigen Erlebnisse und Erfahrungen auf unseren Reisen, setzen wir unseren Weg in entgegengesetzter Richtung fort.
Je weiter ich mich der Grenze zu Costa Rica nähere, desto häufiger treffe ich andere Touristen an. An einem Aussichtspunkt über den Managuasee werde ich selbst zum begehrten Fotomotiv, nachdem ein Reiseleiter seiner Gruppe verraten hat, welchen Weg ich hinter mir habe. Hier komme ich auch mit drei Spaniern ins Gespräch, die sich in Vancouver ein gebrauchtes Wohnmobil gekauft hatte, und genauso lange wie ich unterwegs sind. Danach mache ich einen Abstecher in die Hauptstadt Managua. Auch wenn diese Stadt gepflegt ist, gibt es nicht viel Interessantes zu sehen, zumal die Stadt bei einem Erdbeben 1972 fast vollständig zerstört wurde und es dadurch keine historische Altstadt mehr gibt. Selbst die Kathedrale neben dem Nationalpalast wurde nicht wieder aufgebaut und ist bis heute eine Ruine.
Es ist Sonntag, als ich auf Managua zusteuere und anscheinend sind die Iguana begehrte Sonntagsbraten, denn immer wieder sehe ich an der Straße Kinder und junge Männer, die die lebenden Echsen zum Verkauf anbieten. Dass der Umgang mit den Tieren sehr rustikal ist, erkennt man auch daran, dass ihnen das Maul zugenäht wurde!
Es gibt also keinen guten Grund, mich hier länger aufzuhalten und so steuere ich mein Tagesziel Masaya an. Kurz vor meinem Ziel komme ich an der Einfahrt zum Nationalpark Volcán Masaya vorbei, wo sich ein Rückstau von der Kasse bis auf die Hauptstraße gebildet hat. Erst mal schnell googeln, was es denn hier so Besonders kurz vor Einbruch der Dunkelheit zu sehen gibt. Es ist eine Tour auf den Vulkan bei Sonnenuntergang mit Blick in die glühende Lava im dem kleinen Krater. Spontan entschließe ich mich, diese Tour auch mitzumachen, werde an der Kasse aber zurückgewiesen, weil ich die sechs Kilometer bis zum Ausgangspunkt der Tour nicht mit dem Rad fahren darf. Hier treffe ich aber die Spanier vom Vormittag wieder, die mich sofort zu sich ins Wohnmobil einladen und mit zum Vulkan nehmen. Ein gemeinsames Abendessen im Womo inklusiv. Gut, Nicaragua gilt als Land der 1000 Vulkane und ich habe auch schon einige rauchende Berge gesehen, die meine Knie aber nicht besteigen möchten. Dieser ist allerdings einer der ganz kleinen Sorte und der Parkplatz ist direkt neben dem Krater mit zwei kleinen Aussichtspunkten. Einen spektakulären Sonnenuntergang hat es nicht gegeben und auch der Blick in den Vulkan ist eher enttäuschend. Wo früher ein brodelnder Lavasee war, ist heute bei Dunkelheit nur noch der rote Schein der Lava zu sehen. Bedrückend ist die Geschichte um diesen Vulkan, denn hier sollen während des Bürgerkriegs zahlreiche Regimegegner von Hubschraubern aus in die Lava geworfen worden sein. Es gibt seitens der Regierung aber keinerlei Interesse an einer Aufklärung dieser Verbrechen. Die Spanier möchten mich nicht bei Dunkelheit nach Masaya fahren lassen, und so kommt mein Rad ins Wohnmobil und ich werde fast bis vor die Haustür meiner Unterkunft gebracht – vielen Dank für diese spontane Hilfsbereitschaft!
Den letzten Abstecher in Nicaragua mache ich nach Granada, eine der wenigen älteren Städte des Landes aus der Zeit der Kolonialherrschaft der Spanier. Bunt geht es hier zu. Die Stadt ist ein Touristenmagnet und putzt sich mit viel Farbe heraus. Die Lage am Nicaraguasee mit Promenade und Seebrücke tut ihr Übriges dazu. Allerdings sieht das Wasser des Sees so aus, dass ich niemals einen Fisch aus dem Gewässer essen würde. Viele Abwässer werden bis heute ungeklärt eingeleitet. Nach einer Übernachtung in Rivas verlasse ich das Land nach 300km in fünf Tagen.
Die Grenzabfertigung ist diesmal zwar sehr geordnet und findet beiderseits der Grenze in modernen Gebäuden statt, aber es gibt nicht nur lange LKW-Schlangen auf beiden Seiten, sondern hier auch eine Warteschlange bis weit vor die Tür der Personenkontrolle. Es ist auch ein Treffpunkt vieler junger Backpacker aus aller Welt, die die Reisebusse hier ausspucken. Es folgt die Passkontrolle, wieder sind Gebühren zu zahlen, und diesmal gibt es auch einen Stempel in den Pass. Anschließend wird das Gepäck aller Grenzgänger durchleuchtet – nur meins nicht. Als die Kontrolleurin am Röntgengerät mein Rad mit den ganzen Taschen sieht, winkt sie mich durch, bevor auch nur eine Tasche auf dem Band liegt. Das gleiche passiert auf der Seite Costa Ricas noch einmal in gleicher Weise und macht die ganze Show zur Farce.
Das Wohlstandsgefälle zwischen Nicaragua und Costa Rica ist gewaltig. Aber was hier noch nach perfekten Bedingungen zum Rad fahren aussieht, ändert sich schon bald und die Straßen- und Verkehrsverhältnisse sind die Hölle!