Größer könnten die Unterschiede zwischen zwei Ländern hier in Mittelamerika wohl kaum sein als der Übergang von Nicaragua nach Costa Rica. Man kommt aus einem der ärmsten Länder der gesamten Region und erreicht das sehr nordamerikanisch geprägte Natur- und Touristenparadies Costa Rica, was sich nicht zuletzt auch in den Preisen für Unterkünfte und Lebensmittel niederschlägt. In diesem Land waren Susanne und ich erst vor zwei Jahren und haben eine vierzehntägige Rundreise mit vielen Wanderungen in den Nationalparks unternommen. Die Pflanzen- und Tierwelt sind wunderschön und ich habe viele tolle Aufnahmen gemacht (sind auf Instagram unter @my_bike.tours zu finden). Mit der kleinen Kamera oder dem Handy ist es schwer, etwas Vergleichbares zustande zu bringen. Auch deswegen verzichte ich bei dieser Reise darauf, dieselben oder andere Nationalparks zu besuchen und beschränke mich schweren Herzens darauf, fast auf direktem Weg in Richtung Panama das Land zu durchqueren. Das bedeutet, dass ich sehr viel auf der Panamericana unterwegs bin. Und das ist kein Spaß! Ich bin ein bisschen verwöhnt von Honduras und Nicaragua vom Zustand und dem Verkehr auf diesem Highway. Dort war ich überrascht von der sehr guten Qualität der Straße und den breiten Seitenstreifen, auf denen ich sicher radeln konnte. Fast wie erwartet ist die Piste in Costa Rica noch einmal viel besser ausgebaut als bisher. Vierspuriger, glatter Beton, Seitenstreifen, streckenweise sogar Radwege! Die enden allerdings immer wieder unvermittelt und als gäbe es eine Alternative, ist das Fahrradfahren dann streckenweise aus unerklärlichen Gründen verboten. Also: einfach ignorieren, offenbar interessiert das hier ohnehin niemanden. Wie trügerisch der erste Eindruck sein kann, erfahre ich nach etwa 50km. Dann endet die Ausbaustrecke, die Panamericana ist nur noch zweispurig, hat keinen Seitenstreifen mehr und der Verkehr ist die Hölle und dröhnt dicht an mir vorbei. Dafür gibt es aber keine Verbote für Radfahrer mehr! Das mag verstehen wer will, ich jedenfalls nicht.
Tropische Vielfalt direkt am Straßenrand
Seit San Salvador habe ich keinen Ruhetag mehr eingelegt und bin fast 900km ohne Pause gefahren. Die Beine signalisieren mir, dass sie dringend wieder einmal etwas anderes oder einfach nichts tun möchten, als den ganzen Tag in die Pedale zu treten. Der Ort hierfür ist Chacarita in der Nähe von Puntarenas. Bis hierher wurde Verkehr immer dichter und bedrohlicher bis hin zu einer Berührung mit einem Pkw, der beim Überholen komplett auf Seitenabstand verzichtete. Auf einem kleinen Campingplatz an der Küste schlage ich seit langer Zeit wieder einmal mein Zelt im Schatten der Palmen auf. Zelten bei diesen Temperaturen ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit und an einen erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dass diese Platzwahl zudem nicht ganz ungefährlich ist, erfahre ich gleich am Morgen des nächsten Tages, als ich mich unter einen dieser Bäume setze. Plötzlich fängt es an zu tropfen, und da der Himmel wolkenlos ist, kann es kein Regen sein. Zwischen den Kokosnüssen sehe ich Bewegung und bei genauerem Hinsehen entdecke ich ein „Eich“-Hörnchen, das sich an einer Kokosnuss zu schaffen macht und für den Kokosmilchregen verantwortlich ist. Es sieht so aus, als wenn es das gesamte Innere der Kokosnuss auffrist – nur Anfänger begnügen sich mit Haselnüssen und Bucheckern. Mehrere der so ausgehölten Früchte liegen auf dem Rasen, es hätte mich also durchaus auch härter treffen können. Obwohl das nahe Puntarenas zumindest auf der Karte recht malerisch auf einer langgestreckten Landzunge liegt, ist es dort noch genauso trist, wie ich es von vor zwei Jahren in Erinnerung habe. Auch ein Kreuzfahrtschiff, dessen Passagiere den Ort fluten, ändert daran nichts.
Die nächsten Kilometer auf der Panamericana sind wieder einmal Autobahn und mehrere Schilder verbieten das Radfahren. Sicherheitshalber befrage ich deswegen einen Einheimischen. Der erklärt mir nur, da ich ein Tourist bin, wäre das okay – anscheinend gibt es nicht nur unterschiedliche Preise für Touristen und Einheimische, sondern auch unterschiedliche Verkehrsregeln. Zwei Highlights bringt mir der Tag dann doch noch. Gegen Mittag erreiche ich „The Vikings Danish Bakery“! Kuchen, Brot und Brötchen wie in Dänemark! Sogar die Preise sind echt dänisch! Egal – nach so vielen geschmacklosen Tortillas und Wattebrot kann und will ich nicht widerstehen.
Das zweite Highlight macht sich durch lautes Geschrei hoch über mir bemerkbar. Eine kleine Ara-Schar hält sich dort auf und drängt sich als Fotomotiv geradezu auf.
Auch die darauffolgende Nacht verbringe ich auf einem Campingplatz an der Küste. Sehr schlicht, sehr günstig mit vielen Surfern, die hier ihr kleines Paradies gefunden haben. Meine Platznachbarn aus Frankreich, unterwegs im Mietwagen mit Dachzelt, erzählen, dass am Vortag ein Panther unmittelbar vor ihren Augen die Straße überquert hat. So viel Glück habe ich bei meinen Begegnungen mit Tieren nicht. Die meisten Exoten, denen ich begegne, liegen überfahren auf der Straße – Schlagen, Leguane, Gürteltiere, sogar zwei Ameisenbären und ein Faultier habe ich gesehen, die keine Chance haben durch den dichten Verkehr die Straße zu überqueren. Immerhin meint es eine Totenkopfäffchen-Familie in den Bäumen direkt neben der Fahrbahn gut mit mir und statt wie die meisten Tiere bei der Annäherung eines Radfahrers sofort zu flüchten, posieren sie direkt vor meiner Kamera auf den Blättern einer Bananenstaude. Und als kleine Zugabe beobachte ich kurze Zeit später, wie ein Tukan das Nest von kleineren Singvögeln auf einem Strommast zerpflückt und sich auf durch das Gezeter und die Angriffe der Eigentümer nicht von seinem Tun abbringen lässt.
Nach drei schweißtreibenden Nächten im Zelt und Temperaturen bis zu 48 Grad während der Fahrt am Lenker, suche ich mir in Uvita wieder eine Unterkunft mit einem klimatisierten Zimmer. Ich miete mich im Yethan House ein, nicht ganz günstig, dafür eine sehr schöne kleine Anlage abseits des Straßenlärms. Hier treffe ich Francis aus Cleveland / Ohio, der für vier Wochen zum Wandern hergekommen ist. Er ist 73 Jahre alt, wie sich sehr schnell im Gespräch herausstellt, Trump-Anhänger, der den kompletten Irrsinn der MAGA-Bewegung von sich gibt, vom Deep State über die jüdische Weltverschwörung bis hin zum angeblichen Steinkohleabbau Chinas in Grönland. Ein besonderes Anliegen sind ihm die illegalen Einwanderer in den USA. 40 Millionen Menschen, die nur wegen der Sozialleistungen ins Land kommen. Es ist unfassbar. Aber dieser Mann hat eine kleine Firma, kauft alte Häuser auf, renoviert sie, um sie dann wieder gewinnbringend zu verkaufen. Und hierfür beschäftigt er fünf illegal eingewanderte Männer aus Guatemala, denen er 20 Dollar pro Stunde schwarz bar auf die Hand bezahlt! Auf meine Frage, was er denn tun würde, wenn die ICE-Agenten seine Mitarbeiter aufgreifen und abschieben würden, antwortet er lapidar, dass er sich dann andere Illegale suche, denn amerikanische Staatsbürger fände er für diese Arbeit nicht! Und das Agieren der ICE-Agenten findet er völlig in Ordnung! Menschen gibt es…
Costa Rica hat so viel zu bieten und es ist ein bisschen schade, dass ich das diesmal nur von der Straße aus sehe. Allein die vielen Bäume, die jetzt in der Trockenzeit ihr Laub verlieren und in voller Blüte stehen, sind eine Pracht
Nach nur einer Woche verlasse ich Costa Rica schon wieder und mit Panama erreiche ich das zehnte Land meiner Reise und auch das letzte Land Mittelamerikas. Die Ausreiseabfertigung in Costa Rica wirkt ein bisschen chaotisch. Bevor man zur Passkontrolle geht, muss man auf der anderen Straßenseite in einem unscheinbaren Gebäude eine Gebühr in Höhe von 4700 Colones in bar bezahlen. Mit dem Einzahlungsbelegt geht es dann zurück, wo man sich seinen Stempel abholen kann. Entgegen vieler anderer Geschichten gestaltet sich die Einreise nach Panama als unproblematisch. Es wird nur gefragt, auf welchem Weg ich das Land wieder verlassen und wie lange ich bleiben will und schon ziert der nächste Stempel meinen Pass. Wie üblich, will ich mich gleich an der Grenze mit der Landeswährung, dem Balboa, versorgen. Der Geldautomat spuckt allerdings nur amerikanische Dollar aus. Ein Kuriosum. Der Wechselkurs des Balboa ist 1:1 dem US-Dollar angeglichen, Geldscheine in der Landeswährung gibt es nicht mehr, nur noch Münzen, es werden aber auch US-Münzen verwendet. Preise sind in Balboa angegeben und werden in Dollar bezahlt.
In Panama gibt es gleich zwei Hindernisse, die es zu überwinden gilt, bevor ich meine Reise in Kolumbien fortsetzen kann: Da ist einmal der Panama-Kanal mit seinen wenigen Brücken und dann gibt es da noch den Darién-Nationalpark. Dieser ist die größte Hürde auf dem Weg Richtung Süden und seit den USA immer wieder einmal Thema, wenn es um meine geplante Reiseroute geht. Dieser ca. 100km breite Urwald beiderseits der Grenze zwischen Panama und Kolumbien trennt Mittel- und Südamerika. Dort gibt es nur Dschungel, Sümpfe und Flüsse, aber keine Straße. Er gilt nicht nur wegen der Natur, sondern auch wegen der Kriminellen, die hier Flüchtlinge schleusen und Drogen schmuggeln als gefährlich und nicht passierbar. Allerdings gibt es auch keine Fährverbindung zwischen Panama und Kolumbien. Es bleiben daher nur zwei Möglichkeiten. Entweder man fliegt von Panama-City oder man sucht sich ein Boot, dass einen entlang der Küste über die Grenze bringt. Ich habe mich für die zweite, wesentlich kompliziertere und teurere Variante entschieden.
Der zehnte Grenzübergang seit meinem Start vor fast acht Monaten
Aber erst einmal geht es für mich weiter auf der Panamericana, der Hauptverkehrsachse des Landes, in Richtung Panama City. Überwiegend ist die Strecke autobahnähnlich ausgebaut. Kurz nach Grenzübertritt werde ich dann unerwartet zum Lebensretter. Nach all den toten Tieren auf der Straße, sehe ich am Fahrbahnrand eine kleine, gerade mal 10cm große Schildkröte, die sich anschickt, die Straße zu überqueren. Das ist ein aussichtsloses Unterfangen, denn selbst wenn sie es über die ersten zwei Fahrstreifen schaffen würde, der Bordstein in der Mitte ist für sie ein unüberwindliches Hindernis. Mein Angebot, mich zu begleiten, wird durch eindeutige Absetzbewegungen abgelehnt und so landet sie abseits der Fahrbahn im Straßengraben und schlägt hoffentlich eine andere Richtung ein.
Die erste Nacht in Panama verbringe ich David, der drittgrößten und laut Wikipedia heißesten Stadt des Landes. Da es hier absolut nicht Sehenswertes gibt, bin ich gleich am nächsten Morgen wieder in Richtung Süden unterwegs, wobei der Tag erst einmal frustrierend anfängt. Gleich beim Start stelle ich fest, dass der Hinterreifen fast keine Luft mehr hat. Die Ursache ist diesmal schnell gefunden. Es sind wieder einmal dünne Drähte von geplatzten LKW-Reifen, die durch den Mantel gegangen sind. Ursache gefunden und behoben. Aber als wäre ein Platten nicht genug, wird der Hinterreifen nach weniger als 20km schon wieder weich. Der zehnte Plattfuß auf 16.000km. Das Loch im Schlauch ist schnell gefunden, die Ursache aber nicht.
Nach zwei vergleichsweise sauberen Ländern kehrt in Panama der Müll an den Straßenrändern zurück, wenn auch nicht in so extremer Form wie in den meisten anderen Ländern hier in der Region. Aber ein Schild aufzustellen, ist offenbar auch keine Lösung
Mit den 16.000km, die hinter mir liegen, habe ich den 8. Grand nördlicher Breite erreicht. Das ist für mich schon ein besonderer Moment, denn es ist geografisch die Mitte zwischen dem 70. Grad nördlicher Breite, wo ich gestartet bin, und meinem Ziel auf 54 Grad südlicher Breite. Die Strecke bis zu meinem Ziel sollte wesentlich kürzer sein, weil ich bis hierher um fast 70 Längengrade in Richtung Osten bewegt habe, und es jetzt fast nur noch südlich weitergeht, dafür wird der zweite Teil durch die Anden Südamerikas noch eine ganz besondere Herausforderung. Ich bin ganz bestimmt nicht der Schnellste unter den Reisenden auf dieser Strecke, aber ganz so viel Zeit wie andere lasse ich mir auch nicht. An diesem Tag begegne ich zwei Amerikanern, von denen der jüngere auch in Prudhoe Bay gestartet ist, allerdings schon ein Jahr früher als ich. Carmen aus Lübeck und Paul aus Dresden, denen ich ein am nächsten Tag begegne, sind schon seit drei Jahre in Südamerika unterwegs.
Halbzeit - Zeit für ein kleines Tänzenchen auf der Panamericana, das ich aber lieber anderen überlasse
Begegnungen auf der Strecke
Für die Nacht habe ich morgens ein Zimmer in Las Lajas gebucht. Dass ich eine Antwort auf per WhatsApp auf Deutsch bekomme, überrascht mich zwar, ist aber dank Google Übersetzer auch nicht ganz ungewöhnlich. Christian empfängt mich dann auch auf Deutsch – mit sächsischem Akzent. Er kommt ursprünglich aus Leipzig und hat sich hier vor einigen Jahren niedergelassen und das Hostel mit einem Fitnessstudio aufgebaut und eine Einheimische geheiratet. Die Mischung der unterschiedlichen Mentalitäten ist in seinem kleinen Reich durchaus erkennbar, und Christian passt sich offenbar dem mittelamerikanischen Lebensstil an. Alles ist prima, bis morgens um 06.00 Uhr im Gym die Hanteln poltern – zu Hause auch meine Zeit zum Trainieren, hier aber das plötzliche Ende der Nacht.
Es bringt überhaupt keinen Spaß, auf der Panamericana mit dem Fahrrad zu fahren, und ich nutze trotz einiger Extrakilometer gern Nebenstrecken. Die Route 5 ist dagegen ein Genuss. Schöne Landschaft, gute Straße, wenig Verkehr und einige Gespräche mit anderen Reisenden und Einheimischen. Ein zweiter Abstecher führt mich nach El Valle de Antón. Es soll einer der schönsten Orte des Landes sein, der in dem Krater eines vor sehr langer Zeit erloschenen Vulkans liegt. Und genau da liegt das Problem. Denn das Höhenprofil der Strecke in dieses Tal habe ich gnadenlos unterschätzt. Mein Routenplaner schickt mich zuerst auf eine Piste, die schon im trockenen Zustand mit meinem schweren Rad nicht zu fahren ist. Ein leichter Regenguss, eigentlich kaum der Rede wert, verwandelt den Lehmboden zudem in eine glitschige Rutschbahn. Seit Vancouver muss ich das erste Mal meine Fahrradsandalen gegen festes Schuhwerk tauschen, weil ich sonst keinen Halt finde. Mit Müh und Not wuchte ich mein Fahrrad die Strecke nach oben, um dann mit bis zu 20% Gefälle in den Ort zu rollen, der total touristisch und sehr teuer ist. Ich hatte mir vorher schon ein Hostel ausgesucht, das auch Einzelzimmer haben soll, die aber ausgebucht sind. Schon vor dem Blick in die Schlafsäle weiß ich, dass ich kein Bett zwischen den ganzen jungen Backpackern haben will und schlage lieber wieder mein Zelt unter den Bäumen auf. Spätestens am nächsten Morgen beim Frühstück weiß ich, dass diese Art der Unterkünfte nichts für mich ist, als sich ein „Althippie“ mir gegenüber an den Tisch setzt, ungeniert sein Gebiss aus dem Mund nimmt und in der Hosentasche verstaut, um sich dann über seine Pfannkuchen und Bananen herzumachen. Ich bleibe noch eine ganze Weile auf dem Platz, weil es einfach faszinierend ist, die vielen verschiedenen Vögel in den Bäumen zu beobachten. Mehr als 500 Arten soll es in den Wäldern der Region geben. Vor allem Wanderer zieht es in die Gegend, zu einer Bergwanderung habe ich keine Lust und Besuche der Wasserfälle oder heißen Quellen sind nur gegen hohe Eintrittsgelder möglich. Nein danke. Glücklicherweise ist der Weg aus dem Krater nicht so steil wie der Hinweg und ich muss nicht schieben und kehre zwangsläufig zurück auf die Hauptstraße.
Die schöneren Plätze und Aussichten findet man meistens abseits der Hauptstraße, sind aber auch mit viel Schweiß verbunden
Mehr noch als Costa Rica ist Panama stark durch die USA geprägt und es geht vielen Menschen offenkundig besser als in anderen Teilen Mittelamerikas, was sich an den vielen teuren Fahrzeugen auf der Straße und an den gigantischen Shoppingmalls in jeder größeren Stadt zeigt, die ein Warenangebot haben, das keinen Vergleich mit Einkaufszentren in Deutschland scheuen muss. Irgendwie ist es auch erschreckend, dass man im Kühlregal Joghurt aus Deutschland und Käse aus Dänemark findet.
Shoppingtempel entlang der Panamericana - und man merkt die Sorge, dass Reisende verhungern könnten. Deswegen sind die nordamerikanischen Fastfoodketten flächendeckend präsent
Die erste der beiden großen Hürden Panamas liegt vor mir, der Panamakanal. Je näher ich der Hauptstadt komme, desto dichter wird der Verkehr und ich weiche wieder einmal auf eine Nebenstrecke aus. Sie ist tatsächlich deutlich verkehrsärmer, dafür aber über viele Kilometer eine Großbaustelle, weil über der Strecke eine moderne Hochbahnstrecke mit etlichen Bahnhöfen neu errichtet wird. Auch hieran erkennt man, dass Panama dank der Einnahmen des Panamakanals und der vielen Banken wirtschaftlich sehr gut dasteht. Ohne Probleme komme ich durch diesen Bereich und bin dann auf der acht- bis zehnspurigen Autobahn Richtung Süden. Alles ist neu und es scheint kaum Verkehr zu herrschen. Das ändert sich radikal, als ich das Ende der Ausbaustrecke erreiche. Die Straße verengt sich auf vier Fahrspuren, drei davon führen im Feierabendverkehr stadtauswärts und nur eine in Richtung Panama City. Der Verkehr staut sich über Kilometer in beide Richtungen und ich dränge mich irgendwie an den Fahrzeugen vorbei. Die Aussichtsplattform auf die alte Brücke „Las Americas“ liegt auf der anderen Straßenseite – keine Chance dorthin zu kommen. Nach Informationen aus dem Internet ist es verboten, die Brücke zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu überqueren, von anderen Radfahrern weiß ich aber, dass es einen schmalen Seitenstreifen gibt, auf dem man schieben oder vorsichtig fahren kann. Der Streifen ist sehr schmal. Aber der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht als Hindernis auf dem einzigen Fahrstreifen stadteinwärts unterwegs sein möchte und von aufgebrachten Autofahrern abgedrängt werde. Also hebe ich mein Rad über die Leitplanke und versuche zu schieben. Unmöglich. Ich stapele die Fahrradtaschen teilweise auf dem Gepäckträger, um überhaupt in die schmale Gasse zwischen Maschendraht außen und Reling zur Fahrbahn zu passen. Nur sehr langsam und mühsam komme ich vorwärts und zerreiße mir meine Fahrradhose an der Begrenzung zur Fahrbahn. Nach vielleicht 200 quälenden Metern endet die Reling und es bleibt nur noch ein ca. 30cm breiter Seitenstreifen. Gleichzeitig sehe ich, dass dieser auf der anderen Seite wesentlich breiter ist – das ist die Seite, von der mir entgegenkommende Radfahrer erzählt hatten… Dorthin zu gelangen ist unmöglich. Es gibt nur einen Ausweg: Alle Taschen wieder auf das Rad, auf die Fahrbahn und irgendwie zwischen den Autos auf die andere Seite gelangen. Es ist wirklich überraschend für mich, wie die Autofahrer reagieren. Drei oder vier Fahrzeuge überholen mich sehr langsam und vorsichtig und danach folgt mir die Schlange in meinem Tempo. Ich gebe Gas und versuche so schnell wie möglich wieder von der Fahrbahn zu verschwinden. Alles geht gut und ich bin froh, dieses Hindernis überwunden zu haben, auch wenn ich gern noch das eine oder andere Foto von oben gemacht hätte, was aber wahrscheinlich zu Tumulten der Autofahrern geführt hätte.
Drei Nächte bleibe ich Panama City. Mein Eindruck: Eine Stadt zwischen schick und schäbig. Und das oft unmittelbar nebeneinander. Da ist die etwa fünf Kilometer lange schicke Promenade mit Blick auf die beeindruckende Skyline des Bankviertels, die keine Vergleich mit nordamerikanischen Großstädten scheuen muss. Daneben die Altstadt mit den Regierungsgebäuden, Restaurants, Kirchen, Souvenirgeschäften und Denkmälern, wo sich die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen durch die Gassen drängen, und dann gibt es die Stadtteile, in die man als Fremder besser nicht geht. Wiederholt werde ich gewarnt, z. B. nicht in den Stadtteil San Miguel zu gehen. Einmal habe ich mich auf dem Weg zu den Schleusen kurz verfahren und werde von einer Fahrradstreife der Polizei zurück auf die Hauptstraße begleitet mit der ausdrücklichen Warnung, diesen Stadtteil auf jeden Fall zu meiden – egal ob tags oder nachts. Der Besuch der Schleusen des Panamakanals ist eine Enttäuschung. Das Besucherzentrum mit Tribüne und großem IMAX-Kino liegt an den alten Schleusen. Die wirklich großen Pötte werden in den neue Schleusen abgefertigt, wohin man aber nicht hinkommt. Interessant ist der Film über die Geschichte und Bedeutung des Kanals, der von Morgan Freeman kommentiert wird, aber 17 Dollar Eintritt für Kino und Tribüne ist auch ein stolzer Preis. 17 Dollar scheint hier der Einheitspreis für die wenigen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu sein, denn den gleichen Preis zahle ich im modernen und architektonisch interessanten Biodiversitätsmuseum wie auch bei den Ruinen von Panamá Viejo, der ersten von den Spaniern errichteten Stadt in dieser Gegend.
Und Vorsicht mit Omas Gummibaum. Ruckzuck wächst er einem über den Kopf
Mein nächstes Ziel ist Puerto de Carti. Von hier legen die Boote in Richtung Kolumbien ab. Es gibt verschiedene Optionen für die Überfahrt. Die teuerste Variante ist ein fünf bis sieben Tage dauernder Segeltörn mit Zwischenstopps auf den San Blas Inseln. Wie mir von einem anderen Radfahrer erzählt wurde, im Grunde eine Dauerparty für mehr als 700 Dollar – nicht mein Ding. Es gibt auch die Möglichkeit die San Blas Inseln mit einem offenen Boot zu besuchen und dort zu übernachten, bevor man unmittelbar vor der Grenze abgesetzt wird, dort die Ausreiseformalitäten erledigt und dann mit einem anderen Boot nach Kolumbien weiterfährt. Kosten: ca. 500 Dollar. Die kürzeste und schnellste Variante ist eine etwa 9stündige Fahrt vor der Küste direkt bis zur Grenze oder bis kurz dahinter nach Kolumbien. Der Preis hierfür einschließlich Fahrrad liegt bei 200 Dollar. Dann ist da aber noch die Geschichte mit dem Wetter. Der Januar ist wegen der starken Winde der ungünstigste Monat für die Überfahrt und die Prognose für die nächsten Tage ist sehr ungünstig. Zwar habe ich einen Kapitän gefunden, der mich rüberbringt, aber die nächste Tour plant er erst in knapp einer Woche, sodass ich hier jetzt erst einmal in Chepo festsitze. Direkt nach Puerto de Carti weiterzufahren ist sinnlos, weil es dort keine Unterkünfte und auch keine Möglichkeit zum Zelten gibt. Fünf bis sechs Tage in diesem kleinen Provinzstädtchen zu verbringen ist auch nicht besonders verlockend, sodass ich noch einen Plan entwickeln muss, wie ich die Zeit überbrücke, bis es weitergeht nach Südamerika. Ich werde berichten.