Raus aus San Diego, ab in die Berge und am Spätnachmittag stehe ich vor dem Grenzübergang von Tecate und verlasse die USA. Ich habe mich für die Route über die Baja California entschieden, dieser 1400km langen Halbinsel im Pazifik, von der ich mir nicht nur schöne Küsten und Landschaften, sondern auch weniger Verkehr und ein langsames Herantasten an dieses riesige Land erhoffe, um später von dort mit einer Fähre auf das Festland überzusetzen. Außerdem umgehe ich damit auch die mexikanische Grenzstadt Tijuana, wie San Diego auch eine Millionenstadt, die nicht den besten Ruf genießt. An der Grenze dann keine Kontrolle seitens der Amerikaner und eine Grenzabfertigung der Mexikaner, die diesen Namen kaum verdient hat. Es ist wenig Verkehr und ich werde auf den Gehweg gelotst, wo ich mein Fahrrad zur Gepäckkontrolle schiebe. Das Gepäck wird durchleuchtet, aber nachdem ich eine von sechs Taschen auf den Scanner gelegt habe, winkt der Kontrollbeamte bereits ab und lässt mich passieren. Allerdings hatte ich vorher die Station übersehen, wo die Passformalitäten erledigt werden. Also Fahrrad abstellen und noch einmal zurück. Mit einigem Papier ausgestattet, schickt mich der freundliche Beamte auf die andere Straßenseite, wo ich bei der Bank 861 Pesos – umgerechnet knapp 40 Euro – einzahlen muss, um dann mit dem Zahlungsbeleg zurückzukehren und mit Stempel und 180 Tagen Zeit, mexikanischen Boden zu betreten. Alles sehr unkompliziert und entspannt. Die Dämmerung setzt bereits ein und wenige hundert Meter hinter dem Grenzübergang miete ich mich für ca. 28 Euro im Hotel Tecate am Parque Miguel Hidalgo ein. Nicht nur die Preise sind hier andere, als ich sie auf meiner bisherigen Tour kennengelernt habe, auch sonst muss ich mich in mancherlei Hinsicht komplett umstellen: Sprache, Währung, Essen, Straßenverhältnisse, Armut – ab jetzt wird die Reise interessanter.
In Mexiko hat man's gern farbenfroh. Die Stadt Tecate liegt direkt an der Grenze zu den USA und deswegen verläuft der Grenzzaun auch unmittelbar entlang der Stadtgrenze
Auf der Karte sieht der direkte Weg aus der Stadt nach Süden aus, als wäre es eine vierspurige Autobahn mit einem großen Autobahnkreuz am Ortsausgang. Da ich nicht weiß, ob ich diese Straße mit dem Rad befahren darf, vertraue ich wieder einmal auf mein Navi und werde durch sehr arme Wohnviertel mit staubigen Straßen in einem Bogen durch die Berge um die Stadt herumgeführt, mit Steigungen bis zu 18% und Temperaturen zwischen 40 und 45° C am Lenker – es braucht auch keiner zu fragen, ob im Schatten oder in der Sonne. Es gibt keinen Schatten auf der Straße. Und dann stehe ich mit einem Mal vor einem Bus, der die Straße blockiert. Ob er hier in dieser Position liegengeblieben ist und stehengelassen wurde, oder ob es sich um eine bewusste und sehr effektive Straßensperrung handelt, erschließt sich mir nicht. Jedenfalls führt kein Weg dran vorbei und über einen kleinen Umweg setze ich meine Fahrt fort, bis ich vor einem mächtigen Tor einer Ranch stehe: Privatgrundstück, Betreten verboten! Und hier gibt es keine Alternativroute. Völlig frustriert und nach sehr viel unnütz investierter Energie trete ich den Rückweg an und nehme jetzt den direkten Weg aus der Stadt – übrigens völlig problemlos.
Das Ganze hat mich zwei Stunden und viel Kraft gekostet und entnervt mache ich bereits am Stadtrand meine erste Pause, nach der das Thermometer am Lenker 54° C anzeigt. Und es ist auch jetzt schon klar, dass ich mein angepeiltes Tagesziel, die Stadt Ensenada an der Pazifikküste, heute nicht mehr erreichen werde. Also muss ich mir auf der Strecke, die durch ein ausgedehntes Weinanbaugebiet mit vielen luxuriös wirkenden Weingütern führt, eine andere Unterkunft für die Nacht suchen und steuere einen Platz an, der als „Glamping“ ausgewiesen ist. Bei meiner Ankunft setzt wieder einmal bereits die Dunkelheit ein und das Tor ist geschlossen. Dahinter auf einem weitläufigen Gelände ca. 20 nicht mehr ganz taufrische Airstream-Wohnwagen, die offenbar als Glamping-Unterkünfte vermietet werden. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen und unter beiden angegebenen Telefonnummern ist niemand zu erreichen. Mit Hilfe der Eigentümerin einer benachbarten Gemüsefarm gelingt es, den Eigentümer doch noch zu erreichen und ein Mitarbeiter lässt mich auf den Platz und weist mir einen Airstream zu, wo ich unter einem Sonnensegel mein Zelt aufbauen und Toilette und Dusche in dem Wohnwagen nutzen könne. Ich will gerade mein Zelt auspacken, da meldet sich der Besitzer noch einmal und gibt seinem Mitarbeiter die Anweisung, dass ich auch im Wohnwagen übernachten könne. Wenig später kommt er dann auch noch mit frischer Bettwäsche, einer riesigen Flasche Duschgel und Toilettenpapier zurück – und kassiert 200 Pesos, 9 Euro! Die Erwartungen an so einen in die Jahre gekommenen Airstream sollte man nicht zu hoch stecken, aber ich habe eine Unterkunft und auch noch eine heiße Dusche nach meinem ersten Tag im dritten Land meiner Tour.
Ensenada erreiche ich dann mit einem halben Tag Verspätung. Im Hafen liegt ein Kreuzfahrtschiff und dementsprechend ist die Innenstadt gespickt mit Touristenangeboten aller Art. Ich begnüge mich mit einem Mittagessen und setze meine Fahrt an der Küste fort, wo die Temperaturen etwas angenehmer sind. Da in Mexiko immer wieder von Überfällen auf Touristen berichtet wird, vermeide ich es, wild zu zelten und versuche Campingplätze zu erreichen oder gehe in günstige Hotels. Mit der Sicherheit auf den Campingplätzen ist es so eine Sache, denn ich bin außerhalb der Hauptreisezeit unterwegs und wenn ich denn auf einen Campingplatz komme, bin ich der einzige Gast, was durchaus seine Vorteile hat, allerdings fehlt die vermeintliche Sicherheit vor Übergriffen wegen der Nähe anderer Menschen. Und auch auf sicheren Plätzen lauern Gefahren, z. B. wenn man morgens beim Packen eine kleine Schlange, vermutlich eine Klapperschlange, im Vorzelt findet!
Ich bin in Mexiko. Und zu Reisen in Mexiko gehört es wohl zwangsläufig dazu auch einmal von Montezumas Rache heimgesucht zu werden. Wahrscheinlich ist es meiner eigenen Ignoranz zu verdanken, dass auch ich ihre Bekanntschaft machen musste, weil ich in der Gewissheit eines robusten Magens, einfach unvorsichtig war, mit dem, was ich gegessen habe. Hat ein paar Tage gedauert, war auch nicht besonders schlimm und ich konnte die ganze Zeit normal weiterfahren. Und das soll zu diesem Thema dann auch reichen…
Nicht das gute mexikanische Essen ist schuld, sondern die eigene Unvorsichtigkeit
(ein normales, leichtes Frühstück)
Auf meinem Weg Richtung Süden folge ich der Carreterra Federal 1 oder Carreterra Transpeninsular, die die Baja California durchgängig auf ihrer gesamten Länge erschließt. Dabei verläuft sie auf den gut 1700 km allerdings nicht geradlinig, sondern führt dabei streckenweise sowohl entlang der Atlantikküste als auch der Küste des Golfs von Kalifornien, sodass man auch immer wieder abseits der Küsten im Hochland unterwegs ist, womit es dann jedes Mal sehr heiß wird, was Temperaturen über Stunden um 45° C bedeutet. Wichtigste Fragen sind deswegen immer: Habe ich genug Wasser und wo gibt es die Möglichkeit, wieder Wasser zu kaufen? Denn spätestens seit meiner Bekanntschaft mit Montezuma ist alles andere als für mich tabu, auch wenn ich Wasserfilter und Micropur im Gepäck habe – es soll ja auch noch einigermaßen schmecken, wenn man schon fast ständig heißes Wasser trinken muss (heiße Cola kann ich übrigens auch nicht unbedingt empfehlen). Schlechte Erfahrungen habe ich dabei – und insgesamt im Umgang mit den Mexikanern – erst einmal gemacht, als ich in einem kleinen „Café“, einsam auf weiter Strecke, eine Kleinigkeit essen und meine Wasservorräte ergänzen will. Obwohl ein Schild mit „Abierto“ im Fenster hängt, kommt der dickbäuchige Inhaber heraus, bevor ich mein Fahrrad abgestellt habe und erklärt, dass geschlossen sei. Auf meine Bitte um Wasser reagiert er, in dem er mir zu verstehen gibt, dass er kein Wasser habe und ich fünf Kilometer weiter Wasser bekommen könne. Das Einzige, was ich dort vorfinde, ist ein matschiges Wasserloch, aus dem das Vieh trinkt. Wäre ich nicht so ein friedfertiger Mensch und wäre es nicht mit 10km Umweg verbunden gewesen, hätte ich auf die Idee kommen können, zurückzufahren und mein Bärenspray einmal zu testen! Glücklicherweise hatte ich noch genug Reserven, um problemlos den nächsten Ort zu erreichen. Übrigens gibt es über diesen Menschen zahlreiche weitere Hinweise im Netz, dass er sich auch anderen gegenüber extrem abweisend verhalten hat.
Baja California ist über weite Teile eine fast menschenleere Wüste. Allerdings ändert sich die Landschaft ständig. Berge, Ebenen, Sand, Felsen, Steppen und Kakteenwälder wechseln sich ab. Und manchmal kommt man sich vor, wie in einem alten Western mit verendeten Rindern und Steppenhexen am Wegesrand, die glücklicherweise nicht über die Straße rollen.
Mit den Öffnungszeiten habe ich aber auch andere Erfahrungen gemacht. Auf der Strecke gibt es wohl kaum etwas so häufig wie „Llantera“ – Reifenhandel. Die Masse der Überreste geplatzter Reifen am Straßenrand macht deren Berechtigung durchaus verständlich, wobei man sich unter einem Reifenhandel wiederum auch nicht zu viel vorstellen darf. An einem Truckstopp mit gepflegtem Restaurant und einer „Llantera“ findet sich der Hinweis, dass man 24 Stunden geöffnet habe. Nach einer reichhaltigen Mahlzeit bekomme ich die Erlaubnis, mein Zelt kostenlos auf dem Gelände aufzuschlagen, wo immer es mir gefällt. Ich finde einen Platz, so weit wie möglich von der Straße entfernt, an der sich auch die „Werkstatt“ befindet. Hier ist der Kunde offenbar noch König, denn bis mindestens 04.00 Uhr in der Nacht wird an einem LKW gearbeitet, mit Schlagschraubern und allem anderen, was Krach macht. Man kann nicht immer gewinnen und nicht immer ist kostenlos auch wirklich günstig.
Passt ein bisschen zum schrägen Wildwest-Idyll, auch wenn dieser Gaul nicht vor einem Saloon, sondern vor einem Truckstopp liegt
Die Baja California besteht überwiegend aus Wüsten oder Halbwüsten. Nur in einigen Küstenabschnitten gibt es ausgedehnte, künstlich bewässerte Gemüseplantagen oder es gibt Rinderfarmen, bei denen mir nicht klar ist, wovon sich die Tiere ernähren. Kakteen und Sukkulenten prägen im Übrigen über viele hundert Kilometer das Bild. Es sind aber nicht irgendwelche Kakteen: Die Kandelaberkakteen sind die größten Kakteen der Welt und die Cirios (wie auch viele andere) kommen hier endemisch vor und sind in einem Nationalpark geschützt. Zuerst ist die Landschaft fast nur grau-braun, allerdings je weiter ich nach Süden komme, desto grüner wird’s. Ich befürchte, es wird sich noch rächen, dass ich so schnell unterwegs bin, denn der September und Oktober sind Regenzeit in Mexiko. Gut, es ist Anfang Oktober und ich habe seit Orgeon keine richtigen Regen mehr abbekommen und der Norden der Baja California ist auch nach wie vor knochentrocken. Hier, in der Baja California Sur, hat es aber offenkundig ergiebig geregnet, die Landschaft ist grün und viele Pflanzen blühen. Dass das Wetter hier auch ganz anders kann, zeigen die vielen angelegten Furten über die Straßen und die tiefen Auswaschungen. Was Starkregen der Wüste bedeuten kann, habe ich vor einigen Jahren bei meiner Tour in Utah erlebt und muss ich nicht hier nicht unbedingt haben. Allerdings wird es mir spätestens, wenn ich die Halbinsel verlassen habe, nicht gelingen, dem Regen zu entkommen. Dafür hätte ich mir wohl im Norden einen Monat mehr Zeit nehmen müssen.
Die Wüste lebt! Nach Regenfällen grünt und blüht es überall und mit einem Mal kommt Farbe in das bisher übliche Grau-Braun
Immer wieder finden sich in der Wüste Felsmalereien aus einer Zeit, bevor Europärer Amerika erreichten, wie hier in dieser kleinen, unscheinbaren Höhle in den Bergen
Auch wenn Bäume und Sträucher Laub tragen und überall frisches Grün aus dem Boden sprießt, erinnern die vielen Kakteen immer daran, dass ich noch immer durch eine Wüste fahre. Dazu wollen ein Hirsch, der vor mir über die Straße trottet und bei meinem Anblick die Flucht zwischen die Kakteen antritt ebenso wenig passen, wie San Ignacio, das mit seinen vielen Dattelpalmen und einem See mitten in der Wüste idealtypisch dem Bild einer Oase entspricht – beides keine Fata Morganas, sondern ein wenig Abwechslung auf dem Weg von der Guerrero Negro an der Pazifikküste nach Santa Rosalía am Golf von Kalifornien. Der Besitzer des Motelito Fong in San Ignacio, wo ich mich für die Nacht einquratiere, lässt es sich nicht nehmen, mir gleich bei meiner Ankunft Fotos zu zeigen, wie er mit auf einem Einrad durch ganz Mexiko gefahren ist und legt dann gleich noch ein paar keine Zaubertricks nach.
Warum San Ignacio sich am Ortseingang mitten in der Wüste mit einem Walskelett schmückt, wird wohl immer ein Geheimnis der Stadtvater bleiben. Der Ort geht auf eine Gründung der Jesuiten zurück, was im Zentrum an der Kirche sehr deutlich wird. Mit seinem See und den Dattelpalmen hat San Ignacio alles, was eine richtige Oase in der Wüste haben muss
Nach der 144km langen Etappe bis hierher und den folgenden 80km bis Santa Rosalía bei durchgängig Temperaturen von 40 – 47°C entschließe ich mich kurzfristig, hier einen Tag auszuruhen, nachdem ich mehr als 1000km seit San Diego ohne Ruhetag in der Wüste unterwegs bin. Vor mir liegen noch ca. 600km bis La Paz, der Hauptstadt von Baja California Sur, wo die Fähre zum Festland ablegt. Ich werde berichten.
Bergbau und Fischerei prägen Santa Rosalía am Golf von Kalifornien mit einer riesigen Industriebrache aus der Zeit des Kupferbergbaus mitten im Ort. Die Mine gibt es immer noch, allerdings inzwischen überwiegend in südkoreanischer Hand und es werden Kobalt, Zink und Mangan gefördert. Und die Kirche Santa Barbara im Stadtzentrum verdankt ihre Bekanntheit wohl ausschließlich der Tatsache, dass sie von Gustave Eiffel entworfen, in Europa gebaut und später hierher gebracht wurde - ich finde Eiffel hat schon Besseres geleistet.
Die letzten 600km von Santa Rosalía bis nach La Paz hatten es noch einmal in sich. Eigentlich ist der Süden von Baja California Sur die touristisch am besten erschlossene Region, was allerdings ausschließlich einigen Küstenabschnitte betrifft. Die Carreterra Transpeninsular folgt wieder einmal ein Stück der Küste, diesmal allerdings der Ostküste der Halbinsel am Golf von Kalifornien, um dann im weiten Bogen durch das Binnenland nach La Paz zu führen. Südlich von Santa Rosalía komme ich immer wieder an traumhaften Buchten mit weißen Stränden und türkisfarbenem Wasser vorbei, wo es auch immer wieder schicke, abgeschottete Siedlungen gibt, in denen US-Amerikaner und Kanadier die Wintermonate verbringen und die so völlig anders als mexikanische Ortschaften aussehen, durch die ich bisher gekommen bin. Immerhin kann ich in einem dieser Ressorts noch einmal meine Wasservorräte ergänzen, bevor ich auf einem kleinen Campingplatz an der Playa el Requeson mein Zelt direkt am Wasser aufschlage, wo es zwar saubere Toiletten, aber kein Trinkwasser gibt. Radfahrer können hier kostenlos übernachten, weil ich aber gern eine Palapa als Wind- und Sonnenschutz nutzen möchte, zahle ich 100 Pesos, ca. 4 Euro. Es ist nicht das erste Mal auf dieser Tour, dass ich am Strand übernachte, aber an der Westküste war mir das Wasser selbst hier in Mexiko zu kalt zum Baden (ich bin bekennender Warmduscher). Da es hier aber keine Duschen gibt, Staub und Schweiß gern runter sollen und das Wasser nur fünf Meter vom Zelt entfernt ist, stürze ich mich in die Fluten. Hier habe ich jetzt ein anderes Problem: Die Luft hat abends 28° C – und das Wasser fühlt sich wärmer an. Das ist zwar gut, um die strapazierten Muskeln zu entspannen, erfrischend ist es allerdings nicht. Und auch nachts kühlt es nicht merklich ab und ich hätte gern die 100 Pesos für die Palapa sparen können, um zumindest etwas frische Luft ins Zelt zu bekommen. So ist Schwitzen angesagt und den nächsten Tag mit einem Bad bei Badewannentemperatur beginnen. Wenn an einem so traumhaften Ort mitten in der Nacht ein Hund aus für mich nicht erkennbarem Grund ca. eine Stunde ununterbrochen bellt, beschleichen einen ganz üble Gewaltphantasien
Bis nach Loreto sind es von hier noch einmal knapp 100km und laut meiner Karte gibt es auf der Strecke zwei „Restaurants“, wo ich meine Wasservorräte ergänzen möchte. Aber wie so häufig auf dieser Tour, ist der erste „Truckstopp“ offenkundig schon seit längerem geschlossen und außer vielen Hunden und Katzen treffe ich niemanden an. Also müssen drei Liter Wasser für 60km bis zum nächsten Punkt auf der Karte reichen. Da ich nicht weiß, ob ich dort etwas zu Essen und zu Trinken bekomme, trinke ich nur sehr sparsam und komme leicht dehydriert an. Zwei Liter Flüssigkeit und eine warme Mahlzeit in einem schattigen Imbiss mit kühlendem Luftzug geben die nötige Energie, um entspannt den Rest der Strecke in die ehemalige Hauptstadt des Bundesstaates zu fahren, wo ich wieder einmal in einem schlichten Hotel um Stadtzentrum unterkomme.
Fundsachen am Wegesrand - wenn es ihn denn gibt und er nicht vom Regen weggespült wurde
Die Stadt mit seiner modernen Promenade ist sehr auf Tourismus eingestellt, was sich auch in den Preisen in den Restaurants niederschlägt. Im Gegensatz zu den gepfefferten Preisen ist das Essen für mexikanische Verhältnisse allerdings flau gewürzt – eben alles für die Touristen.
Südlich von Loreto geht es noch einmal in die Berge. Ich bin spät dran, als ich auf 420m Höhe ankomme und rechne nicht mehr damit, noch den nächsten Ort vor der Dunkelheit zu erreichen. Dann geht es allerdings auf schnurgerader Strecke bei kontinuierlichem Gefälle mit kräftigem Rückenwind rasend schnell voran und noch vor Eintritt der Dämmerung komme ich an. Am nächsten Tag bläst mir der gleiche Wind schräg von vorn ins Gesicht und kostet unendlich viel Kraft, womit auch schon klar ist, dass ich die restlichen Kilometer bis La Paz in drei, statt der angepeilten zwei Etappen aufteilen muss. Als ich am späten Nachmittag in Santa Rita ankomme, fängt es an zu regnen. Der erste Regen seit Oregon! Es ist nur ein kurzer Schauer, den ich unter einem Dachüberstand abwarte, bevor ich in dem einzigen Restaurant das Tagesgericht serviert bekomme: Einen heißen Gemüseeintopf mit zwei großen Fleischklößen – genau das Richtige bei über 30°! Unterkünfte oder Campingplätze gibt es hier nicht. Auf meine Frage nach einer Möglichkeit, mein Zelt aufzuschlagen, bekomme ich kostenlos einen Platz hinter dem Lokal. Und weil die Wirtin mehr Regen erwartet, räumt sie unter einer Überdachung einen Platz für mein Zelt frei, harkt auch noch den Boden und ich habe sogar noch die Möglichkeit, meine Sachen auszuwaschen und Storm zum Laden von Geräten gibt es auch – was will man mehr.
Der Regen bleibt aus, dafür bleibt mir der Gegenwind auch am nächsten Tag treu. Diesmal habe ich keine andere Wahl als mir einen Platz zu Übernachten an der Straße zu suchen, weit genug abseits, um nicht wie oft hier in Baja California, vom Lärm der Lkw auf dem gestört zu werden. Ausgeruht und wider Erwarten ohne den Gegenwind der letzten Tage erreiche ich La Paz. Von dort möchte ich am nächsten Tag mit einer Fähre nach Mazatlán auf das Festland übersetzen.
La Paz - die Hauptstadt von Baja California Sur zeigt sich insbesondere in der Altstadt und an der Strandpromenade von seiner besten Seite. In der Kathedrale fand gerade eine mexikanische Hochzeit mit allem Pomp statt - nur bei der Restaurierung der Hochzeitskutsche, eines 1934er Chevrolet wurde ein ein bisschen gepfuscht
Gerade als ich in La Paz ankomme, erreicht mich auf dem Handy eine Unwetterwarnung. Der Tropensturm Raymond bewegt sich exakt auf La Paz zu und soll hier am Samstagabend, quasi mit Ablegen der Fähre, mit Gewitter und Starkregen ankommen. Bereits am Nachmittag sollen Sturm und Regen in La Paz einsetzen. Das kann spannend werden.
Von La Paz bis zum Fähranleger sind es 20km, die ich nicht unter diesen Bedingungen fahren möchte. Deswegen setze ich mich gleich nach dem Frühstück auf mein Rad und fahre entlang der schicken Strandpromenade mit ihren vielen Hotels, Restaurants, Yachthäfen und Golfplätzen in Richtung Puerto de Pichilingue, obwohl das Einchecken auf das Schiff erst um 16.00 Uhr beginnt. Es herrschen Sonnenschein und Windstille. Die Ruhe vor dem Sturm. Die Zeit im Terminal vergeht, was nicht kommt, ist der Sturm. Einige dunkle Wolken, kein Regen und ein Wind, den ich in den letzten Tagen wesentlich stärker hatte. Bei jedem Blick auf die Wetter-App schwächt sich die Prognose ab und der Sturm zieht nördlich an La Paz vorbei und auch die Überfahrt nach Mazatlán ist ruhig und völlig entspannt. Nicht so entspannt sah es in diesen Tagen in anderen Teilen Mexikos aus. Im Hochland und in einigen östlichen Landesteilen haben Starkregenfälle mehr als 60 Menschenleben gefordert und starke Zerstörungen angerichtet. Und es werden weitere starke Regenfälle erwartet. Da meine Route eigentlich durch einige der am stärksten betroffenen Regionen führen sollte, bin ich noch unschlüssig, was ich machen soll.
Die Ruhe vor dem Sturm, der dann doch vorbeizieht. La Paz ist nicht überall so mondän wie an der Strandpromenade und auch die Qualität der Radwege habe ich hier in dieser Form noch nirgends erlebt
Mazatlán liegt auf dem etwa auf dem 23. Grad nördlicher Breite und damit ziemlich exakt auf dem nördlichen Wendekreis, der den Beginn der Tropen markiert. Für mich das erste Mal, dass ich mit dem Rad in den Tropen unterwegs bin. Hitze habe ich in den letzten Wochen schon reichlich gehabt, jetzt kommt noch die hohe Luftfeuchtigkeit dazu. Je weiter ich nach Süden in Baja California kam, desto grüner wurde es. Hier wuchert allerdings üppiges Grün bis an den Straßenrand und auch die Tierwelt verändert sich. Gleich nach Verlassen der Fähre sehe ich eine größere Meerechse über die Steine kriechen und in Concordia läuft ein ca. 50cm langer Leguan über die Hauptstraße des Ortes.
Und auch die Sicherheit wird mehr und mehr zum Thema. Inzwischen habe ich mich an den täglichen Anblick von Militärfahrzeugen gewöhnt, auf denen Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag auf der Ladefläche stehen. Hier herrscht Krieg – Krieg der Drogenkartelle untereinander und Krieg zwischen der Armee und den Kartellen, mit sehr vielen Toten auf allen Seiten. Das sind für mich alles gute Gründe, meine Etappen so zu planen, dass ich möglichst bei Tageslicht Ortschaften erreiche, wo ich in mich in günstigen Hotels einmiete. Bisher habe ich keine kritischen Situationen erlebt, weder im Straßenverkehr noch durch Wetterereignisse oder Kriminalität. Und das soll auch so bleiben, weswegen ich doppelt vorsichtig bin.
Zumindest die Zentren der Städte, durch die ich in letzter Zeit komme, wirken alle sehr gepflegt, bunt und die Altstädte stammen häufig noch aus der Zeit der spanischen Kolonisierung. Auch Mazatlán macht da keine Ausnahme und kurzentschlossen bleibe ich nach der Ankunft mit der Fähre in der Stadt. Ein Spaziergang zum angeblich zweithöchstgelegenen Leuchtturm der Welt (152m), allerdings enttäuschend klein und schlicht ist, darf dabei genauso wenig fehlen wie ein Besuch an einem der langen Strände der Stadt, wo sich am Sonntag viele Einheimische tummeln.
Man mag es bunt in Mexiko...
Letztendlich geben die Temperaturen den Ausschlag für die Wahl meiner Route weiter Richtung Süden durch Mexiko. Hier an der Küste ist es mit 35 – 40° C und hoher Luftfeuchtigkeit sehr unangenehm und auch nachts kühlt es kaum ab. Im zentralen Hochland ist es dagegen mindestens zehn Grad kälter und auch nachts fallen die Temperaturen deutlich. Allerdings muss man erst einmal dort hinkommen. Es gibt zwei Straßen, die von Mazatlán in die Berge führen, die alte Nationalstraße 40 und die neue, mautpflichtige 40D. Der gesamte kommerzielle Verkehr spielt sich auf der neuen Strecke mit vielen Brücken und Tunneln ab. Ich nehme die alte Route, die sich spätestens ab Concordia in unzähligen Kurven den Berg hinaufwindet. Der Start in Concordia ist erst einmal frustierend. Abends hatte ich noch den Luftdruck der Reifen überprüft und vorn etwas nachgepumpt. Morgens ist der Hinterreifen fast platt. Nützt nichts, alles zerlegen und auf die Suche nach der Ursache gehen. Ich finde weder ein Loch im Schlauch noch eine Beschädigung des Mantels. Zwei Stunden später wird der Hinterreifen wieder mürbe. Noch einmal alles ohne Ergebnis absuchen und einen neuen Schlauch einziehen. Das Ganze wiederholt sich noch einmal und diesmal muss die Ursache gefunden werden. Schon mehrfach hatte ich auf Reisen dasselbe Problem, dass sich ein kleiner Draht, nicht zu ertasten und kaum zu sehen, bei aufgepumptem Reifen durch den Schlauch bohrt. Überreste geplatzter Autoreifens, die sich nur mühsam mit Messer und Zange freilegen und entfernen lassen. Viel Zeit und Nerven hat dieses winzige Stück Metall gekostet und an mein angepeiltes Tagesziel werde ich keinesfalls gelangen.
Selbst auf manchem Friedhof geht es sehr bunt zu. Dass ich in den Tropen bin, zeigt das üppige Grün, das bis auf die Straße wuchert und die Kakteen zu Rankhilfen degradiert
Die Nationalstraße 40 war früher die Hauptverbindungsstraße von Mazatlán ins Hochland, die mit der Eröffnung der neuen Straße allerdings fast bedeutungslos geworden ist. Das erkennt man daran, dass nur sehr wenige Fahrzeuge unterwegs sind, aber auch daran, dass die Straße nicht mehr richtig gepflegt wird. Immer wieder liegen Bäume, Steine oder kleinere Erdrutschmassen auf der Straße und werden nicht entfernt. Man erkennt es aber auch daran, dass die Infrastruktur entlang der Strecke quasi zusammengebrochen ist. Es gibt so gut wie keine Hotels oder Restaurants mehr und nur einige sehr kleine Geschäfte in den „größeren“ Orten, nichts worauf man sich verlassen könnte. Am Abend erreiche ich nach gut 50km und 1500 Höhenmetern – es ging ca. 40 km ununterbrochen bergauf – den kleinen Ort Potrerillos, wo ich mitten im Ort auf einem betonierten und überdachten Sportplatz mein Zelt unter Flutlicht aufstelle. Das Dach erweist sich kurze Zeit später noch als Glücksfall, denn es zieht ein Gewitter durch, vor dem dieser Platz guten Schutz bietet. Die Nacht ist angenehm kühl, allerdings ziehe ich meine Fahrradklamotten genauso schweißnass wieder an, wie ich sie abends aufgehängt hatte. 22 Kilometer und 750 Höhenmeter weiter erreiche ich das Ziel, das ich eigentlich gestern angepeilt hatte. War auch ohne Pannen eine sehr optimistische Planung, denn die Tage sind hier sehr kurz und mehr als 2000 Höhenmeter mit Gepäck ambitioniert. Die nächste Etappe ist wieder gut 50km lang und noch einmal geht es lange steil nach oben. Deswegen verordne ich mir nach der kurzen Strecke eine Pause, um morgen wieder ausgeruht auf die Piste zu gehen. Drei Hotels gibt es in El Palmito, die alle so wirken, als wären sie seit längerer Zeit geschlossen. Eine Hotelbesitzerin kann ich in Ort ausfindig machen und neben einem Zimmer bekomme ich auch noch ein leckeres Essen. Bei der Suche nach der Gastgeberin komme ich an den zentralen Platz im Ort, wo offenbar gerade Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände an die Bewohner verteilt werden. Und alles geschieht unter dem Schutz schwerbewaffneter Soldaten, eine Szene, die für mich bedrückend ist und die ich mir – auch aufgrund meiner mangelnden Spanischkenntnisse – nicht erklären kann, denn nie hatte ich hier den Eindruck, dass Lebensmittelknappheit ein Thema wäre. Vielleicht kann ich die Gründe für die Lebensmittelverteilung und den Schutz der Armee noch ergründen… Beim Abendessen erfahre ich, dass das Militär wegen "der Mafia" dort ist und dass es gut ist, dass so viel Militär unterwegs ist.
Alt und Neu in einem Bild. Immer wieder hat man den Blick auf die neue Straße, die aber auch die gleiche Höhe überwinden muss. Es ist schade, dass die Wolken oft den Blick auf das Bergpanorama verschleiern.
Will man immer wissen, wo und wie das Essen zubereitet wird? Lecker ist es trotzdem!
Seit meinem letzten Update sind bereits wieder zwei Wochen vergangen und ich bin nach weiteren 1200km am Stadtrand von Mexiko-Stadt angekommen. Es gibt also wieder einiges zu berichten.
Der Hauptgrund, warum ich nicht an der Küste geblieben bin, sondern die Strapazen der Fahrt in die Berge mit einer Höhe von bis zu 2700m über dem Meer auf mich genommen habe, war die schwüle, tropische Hitze im Tiefland. Mit zunehmender Höhe verändern sich Temperaturen, Vegetation und Klima immer weiter. Nachdem ich die üppige Vegetation der Tropen verlassen habe, bestimmen Kiefernwälder das Bild und jeder noch so kleine Ort hat zahlreiche Sägewerke, wo die Bäume unter primitivsten Bedingungen verarbeitet werden. Ich bewege mich meistens in Höhen zwischen 2000 und 2500 Metern und die Tagestemperaturen liegen meistens zwischen 30 und 35 Grad. Es ist eine trockene Wärme und diese Temperaturen machen mir inzwischen nicht mehr allzu viel aus. Und nachts kühlt es deutlich ab, sodass man gut schlafen kann, ohne im eigenen Schweiß zu baden. Insofern war die Entscheidung richtig, diesen Weg zu nehmen.
Essen, Trinken und Schlafen – bei langen Radreisen rücken die menschlichen Grundbedürfnisse bei vielen Überlegungen sehr weit in den Vordergrund. Dazu kommt dann noch mein persönliches Sicherheitsbedürfnis. Letzteres ist auch der Grund, warum ich mehr als auf allen bisherigen Reisen häufig in günstigen Hotels übernachte. Campingplätze gibt es hier so gut wie keine und offene Gewässer, wo man sich den Schweiß und den Staub nach einem langen Tag auf dem Rad abspülen könnte, gibt es nicht, oder sie sind in einem Zustand, bei dem kein Gedanke aufkommt, auch nur einen Zeh reinzustecken. Gerade in den letzten Tagen bin ich wiederholt an „Flüssen“ entlanggefahren, die nichts anderes als stinkende Kloaken waren – und dieses Wasser wird dann direkt auf die Felder zum Bewässern geleitet…
Essen gibt es in Mexiko buchstäblich an jeder Straßenecke, einfach, günstig, fleischlastig und immer scharf. Europäische Maßstäbe hinsichtlich Hygiene und Ambiente sollte man lieber gleich ganz zu Hause lassen. In El Salto, einem kleinen Ort irgendwo auf meiner Route, drängt mich der kleine Hunger zu einem reichlichen Mittagessen. Meine Wahl fällt auf eine Pizzeria – da weiß man jedenfalls, was man bekommt. Als ich ankomme, hat diese allerdings noch geschlossen und so lande ich in einem sehr gut besuchten „Restaurant“ gleich in der Nachbarschaft. Draußen, an der Straße, brodeln die Zutaten für die Mahlzeit in zwei riesigen Töpfen. Was da in der Brühe schwimmt, ist schwer definierbar: Innereien, Schwarten, Teile vom Schwein. Sieht alles nicht sehr überzeugend aus, aber ehe ich mich beim Blick in den Kochtopf versehe, fischt der Koch auch schon ein Stück Fleisch aus dem Topf, zerhackt es und reicht es mir zum Probieren. Ergebnis: Schmeckt! Drei verschiedene Fleischsorten werden mir angeboten, und ich bekomme eine riesige Portion meiner Wahl, dazu Tortillas, Krautsalat, scharfe Soßen bis zum Abwinken. Mit Getränken habe ich ca. sechs Euro bezahlt und zum Abschluss musste ich dann auch noch an den Kochtopf.
Ich glaube, seit ich Oregon verlassen habe, ist mein Regenzeug nicht mehr aus der Packtasche gekommen. Gelegentlich hat es nachts geregnet, wenn ich in einem Hotel übernachtet habe. In El Tecuan, einem Naturschutzgebiet mit Wildgehege, gibt es sogar so etwas wie einen Campingplatz. Wieder einmal bin ich der einzige Camper und da die Menschen es gut meinen, bekomme ich einen Platz mit einem überdachten Campingtisch und Grillplatz. Weil aber gerade ein Gewitter aufzieht und man gut erkennen kann, dass sich das Wasser genau hier seinen Weg den Berg hinunter sucht, wähle ich lieber einen anderen Platz. Gute Wahl, denn mit dem schweren Gewitter kommt auch ein kräftiger Regenguss. Immerhin kann ich den überdachten Platz nutzen, um nach 10.000km wieder einmal einen Ölwechsel bei der Schaltung zu machen.
Landschaftlich hat das Zentrale Hochland auf meinem nicht viel Besonders zu bieten. Es gibt viel Landwirtschaft, in der gerade Bohnen und Mais geerntet werden, oder es ist hügelig mit einer steppenartigen Vegetation. Dafür haben die Städte umso mehr zu bieten. Viele Orte, von denen ich noch nie etwas gehört habe, überraschen mich mit ihrer Größe. So hat z. B. Santiago de Querétaro 800.000 Einwohner und zahlreiche ausländische Konzerne haben hier Produktionsstandorte. Und was ich so auch nicht erwartet hatte (weil schlecht vorbereitet und informiert), es reiht sich eine UNESCO-Weltkulturerbe an das andere, wobei es sich hier erst einmal überwiegend um die hervorragend erhaltenen und gepflegten Innenstädte aus der spanischen Kolonialzeit handelt.
Als erste größere Stadt komme ich durch Durango, wo ich mitten in der Innenstadt das Hotel Posada San Augustin in einem historischen Gebäude finde. Mein Fahrrad parke ich im (nachträglich) überdachten Innenhof und nutze den angebrochenen Tag, um Eindrücke von Kathedrale, Fußgängerzone, Stadtmuseum, der Plaza de Armas und anderem einzusammeln. Und wie fast überall üblich, erwacht die Innenstadt erst nach Einbruch der Dunkelheit so richtig zum Leben und es gibt gleich mehrere Konzerte auf den öffentlichen Plätzen. Am drauf folgenden Sonntag ist die Hauptstraße vor dem Hotel für den Fahrzeugverkehr gesperrt und sehr entspannt verlasse ich die erste Großstadt hier im Hochland in Richtung Süden.
Wie beim Essen, so muss ich auch bei den Unterkünften Ansprüche und Erwartungen sehr weit zurückschrauben, wobei man nicht unbedingt vom Preis auf eine entsprechende Gegenleistung schließen kann. Über verschiedene Apps versuche ich im Vorwege, herauszufinden, ob und welche Unterkünfte es gibt und wie die Bewertungen anderer Gäste ausgefallen sind. Und manchmal wird einem die Entscheidung auch ganz leicht gemacht. In Vincente Guererro soll es laut Internet drei Hotels geben. Das erste ist geschlossen. Im zweiten wird ein unverschämt hoher Preis verlangt und dann soll ich auch noch einen Aufschlag für Kartenzahlung berappen, was absolut unüblich und dreist ist. Ich gehe und suche die dritte Unterkunft. Mit 250 Pesos, umgerechnet ca. zwölf Euro, bisher das günstigste Hotel, das mich mit seiner Architektur sehr stark an alte Gefängnisse erinnert, ein Eindruck, der durch Metalltüren, Gitter vor den Fenstern und den Zuschnitt und Komfort der Zimmer noch verstärkt wird. Ist ja nur für eine Nacht…
Die nächste Station der Reise ist Zacatecas, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Wieder so eine Stadt, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Sie liegt in einem Tal mitten in den Bergen und die Fahrt dorthin hat deutlich länger gedauert als gedacht, und so komme ich gegen alle Ratschläge und gegen meine eigenen Vorsätze erst mit der hereinbrechenden Dunkelheit im Stadtzentrum an. Dichter Verkehr und eine sehr kreative Verkehrsführung, die nicht für Radfahrer gemacht ist, machen die Querung mehrspurigen Straßen zu einem Lotteriespiel. In der Altstadt angekommen, bin ich so begeistert, dass ich mich spontan entschließe, einen Tag länger zu bleiben, als nur hier zu übernachten. Die Begeisterung hält auch bei Tageslicht an. Wie aus dem Ei gepellt präsentiert sich die Innenstadt mit der Kathedrale, die als eines der herausragenden Bauwerke des mexikanischen Barocks des ganzen Landes gilt, und den vielen anderen historischen Bauten und wunderschönen Plätzen. Und als wäre das alles nicht schon genug, putzt sich die Stadt in Vorbereitung auf den Dia de Muertos, den Tag der Toten, noch einmal besonders heraus. Ihren Reichtum verdankt die Stadt den Bodenschätzen, die über viele Jahrhunderte – auch schon vor der Zeit der spanischen Eroberung – aus einer Mine mitten in der Stadt geholt wurde. Gold, Silber, Kupfer, Mineralien wurden hier unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut. Die Mine kann man heute besichtigen und ein Teil wird an den Wochenenden zur Diskothek. Der Guide beklagte, dass die immensen Schätze des Landes früher von den Spaniern und heute durch ausländische Bergbaukonzerne, vor allem aus Kanada, geplündert wurden und Mexiko kaum davon profitiert.
Eigentlich liegt er nicht auf meiner Route. Und eigentlich mache ich mir nicht viel aus irgendwelchen imaginären Punkten auf der Landkarte. Aber weil es zwischen den Städten nicht so viel zu sehen gibt, entschließe ich mich zu einem kleinen Abstecher nach El Cubilete, dem geografisches Zentrum von Mexikos. So richtig kann ich es zwar nicht glauben, dass dieser Punkt ausgerechnet exakt auf der Spitze eines 2579m hohen Berges und nicht in einem Tal oder der Ebene ein paar Kilometer weiter liegen soll. Aber dann wäre es ja wohl auch nichts Besonderes und dann würde man wohl auch keine weithin sichtbare 22m hohe Christusfigur errichten. Der Weg dorthin aus der Richtung, aus der ich komme, führt durch den kleinen Ort Los Lorenzos, dessen Ortsdurchfahrt in der Talsohle bei starkem Regen offenbar zum Flussbett wird. Bis hierhin war die Straße asphaltiert. Aber dann kommt es knüppeldick. Mit bis zu 15% Steigung auf ausgewaschenen Schotterpisten wird der Weg zum Gipfel zur Schwerstarbeit. Heute ist der Gipfel ohnehin nicht mehr zu erreichen und ich frage in einem kleinen Laden im Ort, ob es hier Unterkünfte gäbe. Nein, gibt es nicht. Wieviel ich denn bereit wäre auszugeben, kommt als Gegenfrage. „500 Pesos!“ lautet meine Antwort, woraufhin er mir sein Bett für 700 Pesos anbietet. Ich lehne dankend ab und schlage mein Zelt lieber außerhalb des Ortes am Berg auf und nutze den Rest des Tages dazu, nach 10.700km und 91.000 Höhenmetern die Fahrradkette zu wechseln, die verschlissen ist und Geräusche macht. Nach ein paar hundert Höhenmetern und den letzten 10km auf rauem Kopfsteinpflaster erreiche ich am nächsten Morgen die Mitte Mexikos. Es ist Sonntag und offenkundig ist Christo Rey ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Von oben zähle ich allein auf einem Parkplatz ca. 40 Reisebusse. Es herrscht Rummel mit vielen Verkaufsständen, ein bisschen nicht ganz stilechter Folklore und einem Gottesdienst unter der Christusstatue. Hier oben finden sich auf viele einheimische Mountainbiker ein. Lange halte ich mich hier nicht auf und flüchte aus den Menschenmassen, um mich etwas weiter talwärts an einem Mittagsbuffet zu bedienen, zu dem mich drei Mountainbiker am Tisch nach einer mühsamen Unterhaltung mit meinen wenigen Spanischbrocken einladen.
Danach rolle ich ins Tal, wo ich mit Guanajuantos in eine weitere „Silberstadt“ erreiche. Klar, auch UNESCO Weltkulturerbe. Die alten Bergwerksschächte mitten in der Stadt werden heute teilweise als Tunnel oder Tiefgaragen genutzt. In der Stadt findet gerade ein Musikfestival statt und herrscht bis tief in die Nacht ein solches Gedränge, dass ich mich an die Kieler Woche erinnert fühle. Anders als bei den Städten davor, will bei mir keine richtige Begeisterung aufkommen. Den angebrochenen Tag nutze ich noch, um mir mit dem Mumienmuseum eine der Hauptattraktionen der Stadt anzusehen. Von außen wirkt der Betonbau wie eine x-beliebige Lagerhalle, drinnen sind in Vitrinen (angeblich) ca. 100 Mumien ausgestellt, die man hier in den Katakomben der Stadt gefunden hat. Es fühlt sich für mich irgendwie nicht gut an, wie sich die Menschen an den zum großen Teil unbekleideten Leichen vorbeischieben. Ich fühle mich wie ein Voyeur und bin dann auch schnell wieder draußen. Wahrscheinlich tue ich der Stadt unrecht, weil ich mir nicht mehr Zeit genommen habe, mir ein vollständigeres Bild zu machen, aber die ersten flüchtigen Eindrücke sind nicht dazu geeignet, noch einen Tag dranzuhängen, um der Stadt eine zweite Chance zu geben.
Ganz andere Gründe für ein Unbehagen gibt es für mich in Celaja. Diese Stadt ist nicht für ihre Schönheit oder kulturellen Schätze bekannt. Als ich dort ankomme, ist mir nicht klar, welchen Ruf bzw. welchen – negativen – Weltrang diese Stadt hat. Als ich eine Unterkunft am Stadtrand bezogen habe, höre ich immer wieder Knallgeräusche, die ich als Schüsse interpretiere. Wahrscheinlich liege ich mit dieser Interpretation falsch und es sind nur die Böller, die man in den Wochen vor dem Tag der Toten oft hört. Jedenfalls stoße ich bei einer kurzen Suche im Internet auf Informationen, die nicht gerade fröhlich stimmen. Es ist mir ja klar, dass in Mexiko ein interner Krieg zwischen Drogenkartellen untereinander und dem Staat herrscht, und an den Anblick schwer bewaffneter Polizei-, Militär- und Nationalgardestreifen habe ich mich mit der Zeit gewöhnt. In Celaja herrscht allerdings ein Kampf zwischen zwei Kartellen, der der Stadt den 8. Platz unter den weltweit gefährlichsten Städten einträgt. Pro 100.000 Einwohner wurden hier 2023 109 Menschen ermordet, was bei einer Einwohnerzahl von 350.000 bedeutet, dass durchschnittlich jeden Tag ein Mord geschieht. Übrigens sind in dieser Rangliste unter den Top 50 allein 20 mexikanische Städte. Welche Macht die Drogenkartelle in diesem Land haben, macht auch eine Erzählung von Lucca, einem brasilianischen Radreisenden, der dieselbe Strecke wie ich in Gegenrichtung fährt, deutlich. Kurz nachdem er aus Guatemala nach Mexiko eingereist war, passierte er keine Polizeikontrolle, die ihn darauf aufmerksam machte, dass sich ein paar Kilometer weiter eine weitere Kontrollstelle eines Drogenkartells befände. Tatsächlich wurde er dann auch von drei bewaffneten Zivilisten angehalten, die sich allerdings nur für seine Reise interessierten und ihn dann unbehelligt fahren ließen. Ich bin jedenfalls froh, diese Stadt auf kürzestem Weg wieder zu verlassen, ohne von der alltäglichen Gewalt etwas mitbekommen zu haben, so wie es bisher überall war. Ein ungutes Gefühl bleibt trotzdem.
Entgegen dieses Gefühls habe ich bei meiner bisherigen Tour durch Mexiko bis auf ganz wenige Ausnahmen – und die hatten nichts mit Kriminalität zu tun – nur positive Erfahrungen mit den Menschen gemacht. Das sollten auch die nächsten beiden Tage unter Beweis stellen. Gegen Abend desselben Tages hatte ich weit und breit keinen geeigneten Platz gefunden, um mein Zelt aufzuschlagen. Deswegen fahre ich in den kleinen Ort Sanfandila, wo es laut Google Maps ein Hotel geben soll. Trotz meiner Skepsis suche ich die angegebene Adresse, wo niemand etwas von einem Hotel weiß. Allerdings haben die Bewohner des Hauses eine andere Idee: Do Enrique Arana, der hat ein Zimmer. Sie rufen ihn an und ich habe (hoffentlich) ein Bett für die Nacht. Da es weder Straßenschilder noch Hausnummern oder Namen an den Häusern gibt, finde ich das Haus von Don Arana nur mit Hilfe eines angetrunkenen Nachbarn. Niemand reagiert auf Klopfen oder Rufen, bis eine Enkelin aus dem Nebenhaus kommt und erklärt, dass ihr Großvater in die Kirche gegangen ist. Über eine Stunde warte ich bis zu seiner Rückkehr und inzwischen ist es vollständig dunkel, sodass ich jetzt auch kaum noch eine Alternative finden könnte. Der Hausherr ist sehr freundlich und hilfsbereit, das Zimmer schlicht und die Dusche reicht gerade einmal, um mir die Füße zu waschen. Aber auf die Frage nach dem Preis winkt mein Gastgeber nur lächelnd ab und dem geschenkten Gaul…
Der nächste Abend verläuft ähnlich. Nach einem Tag mit viel Frust über die Routenführung und dann noch zwei Platten an einem Tag – einmal hinten und einmal vorn, was mir in 20 Jahren Radreisen noch nie passiert ist – erreiche ich am späten Nachmittag El Carmen, wo ich am Ortsausgang nach einem Ort frage, wo ich sicher zelten kann, und werde zur Kirche zurückgeschickt. Louis, ein Einheimischer, der lange in Texas gelebt hat und fließend Englisch spricht, begleitet mich ins Kirchenbüro und vermittelt. Zahlreiche Menschen kommen und gehen, um den deutschen Radfahrer zu sehen, etliche Telefonate werden geführt, bis endlich die Entscheidung da ist, dass ich in einem Raum der Kirchengemeinde meine Iso-Matte ausrollen darf. Später kommt Louis noch einmal zurück, um mir ein Abendessen zu bringen und morgens lässt man mich nicht auf mein Rad, ohne dass ich ein zweites Frühstück in der Küche einer Nachbarin bekommen habe. Diese Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sind überwältigend und ich ärgere mich immer wieder über mich selbst, dass ich mich so wenig mit den Menschen unterhalten kann.
In Tula sehe ich mir fast im Vorbeifahren die erste Ausgrabungsstätte hier in Mexiko an, denn die Stadt war lange vor der Ankunft der Europäer die Hauptstadt der Tolteken, einer der vielen untergegangen Hochkulturen.
Pünktlich zum Ende des Oktobers erreiche ich den Stadtrand von Mexiko City, mit 22 Millionen Einwohnern einer der größten Ballungsräume der Welt. In diese Megacity werde ich definitiv nicht mit dem Fahrrad fahren und quartiere mich für vier Nächte in Teotihuacán ein. Denn einerseits will ich mir, wenn ich denn schon einmal hier bin, nicht die Feiern zum Tag der Toten in der Hauptstadt entgehen lassen, und andererseits gibt es hier im Ort die zu den bedeutendsten Ausgrabungsstätten Mexikos zählenden Pyramiden von Teotihuacán.
Mit dem Bus fahre ich ins Zentrum von Mexiko City und nehme mir dort für eine Nacht ein Zimmer, ganz in der Nähe der Kathedrale mit dem zentralen Platz Zócalo, auf dem und in den Straßen drumherum die größten Feiern anlässlich des Dia de Muertos von ganz Mexiko stattfinden. Was dort abgeht ist kaum zu beschreiben. Der Tag der Toten geht weit auf eine Zeit zurück, bevor die Spanier das Christentum mitbrachten, und ließ sich auch von den Missionaren nicht verdrängen. Und so wurden Allerheiligen und der Dia de Muertos miteinander verwoben und heute macht auch die katholische Kirche fleißig mit. In den letzten Jahren ist dann auch noch aus den USA Halloween rübergeschwappt und so ist es eine sehr bunte und sehr kommerzielle Mischung, die Menschen aus aller Welt anzieht. Trotz allem ist die Tradition tief in der Bevölkerung verwurzelt und es werden zu Ehren der Verstorbenen überall kleinere und größere Altäre aufgebaut und mit Blumen (hauptsächlich Tagetes) geschmückt und mit Leckereien ausgestattet. Und auch auf den Friedhöfen geht es bunt und fröhlich zu, denn der Tag der Toten ist kein Trauertag, sondern ein Tag, an dem die Verstorbenen mit ihren Lieblingsspeisen und Musik mit ihren Nächsten feiern. Es ist in ganz Mexiko einer der Höhepunkte des Jahres, auf den man sich wochenlang vorbereitet. Die Hauptparade auf dem Zócalo habe ich verpasst, weil ich eine spezielle Tour gebucht habe, die allerdings ein totaler Reinfall ist. Sieben Stunden unterwegs, davon eine auf einem nächtlichen Friedhof am Stadtrand und dann noch eine Bootsfahrt, die nichts mit dem Feiertag zu tun hat. Von der Parade hätte ich wahrscheinlich auch nicht viel mitbekommen, denn als ich am Nachmittag auf dem Platz bin, drängen sich die Menschen Stunden vor dem Beginn an der abgesperrten Route, sodass schon da keine Chance besteht, noch einen guten Platz zu bekommen. Und in so einem Gedränge fühle ich mich auch absolut nicht wohl. Trotz allem hat sich der kurze Abstecher gelohnt und voller Eindrücke von dem Fest und der Stadt kehre ich nach Teotihuacán zurück, wobei öffentliche Verkehrsmittel in so einer Stadt mit rudimentären Sprachkenntnissen für einen Menschen vom Dorf schon an sich Abenteuer genug sind.
Einen Tag nehme ich mir für die Pyramiden von Teotihuacán Zeit und lasse diese gigantische Anlage auf mich wirken, ohne tiefer in die Geschichte und Hintergründe einzutauchen. Allein die Ausmaße und der Entwicklungsstand dieser über 2000 Jahre alten Kultur, über die vieles noch im Dunkeln der Geschichte verborgen ist, sind für sich schon äußerst beeindruckend. Morgen geht’s dann ausgeruht weiter in Richtung Yucatan und damit in die Hitze und Schwüle der Tropen.
Fast ein halbes Jahr bin ich jetzt unterwegs und nicht nur von der Dauer, sondern mit ca. 12.500 km und gut 100.000 Höhenmetern ist jetzt die längste Reise, die ich je unternommen habe. Allein hier in Mexiko, dessen Größe man aus europäischer Sicht gern unterschätzt (Mexiko ist ungefähr sechsmal so groß wie Deutschland), bin ich in den letzten zwei Monaten 4500km gefahren. Ich bin gerade auf dem Weg nach Cancún auf der Halbinsel Yucatán, wo ich eine Verabredung habe. Anfang Dezember treffe ich mich dort mit Susanne und wir wollen zwei Wochen gemeinsam diesen Teil Mexikos (mit dem Auto) erkunden. Deswegen fahre ich nicht den direkten Weg von Mexiko City in Richtung Guatemala, sondern es geht in einer riesigen Schleife Richtung Osten und sogar ein ganzes Stück wieder in nordwärts. Etwa 1600km sind von Teotihuacán am Rand von Mexiko City nach Cancún zurückzulegen, aber anders als bei unserem ersten Treffen in Vancouver, habe ich diesmal genug Zeit, um mir noch einige Orte, die auf dem Weg liegen, anzusehen.
Über das Thema Sicherheit und Kriminalität in Mexiko hatte ich ja schon einmal berichtet. Nachdem ich Teotihuacán verlassen habe, erreiche ich auf dem Weg nach Puebla erst in der Dunkelheit die Stadt San Martin Texmelucan de Labastida. Immer wieder werde ich gewarnt, nicht bei Dunkelheit zu fahren. Dazu kommt hier auch noch ein fürchterliches Verkehrschaos, sodass ich froh bin, heil und sicher in einem Hotel in der Innenstadt einzuchecken, denn nicht nur wegen des Verkehrs fühle ich mich in der Stadt irgendwie nicht wohl. Auf Nebenstraßen verlasse ich den Ort am nächsten Morgen. Kurz bevor ich die letzten Siedlungen hinter mir lasse, schließt eine Militärpatrouille auf und hält mich an. Die schwerbewaffneten Soldaten erklären mir, dass die Stadt für Ausländer nicht sicher ist und es immer wieder zu Überfällen kommt. Deswegen werden sie mich bis in sicheres Gebiet begleiten. Gesagt, getan – ich fahre die nächsten ein bis zwei Kilometer mit einem Pickup der mexikanischen Marine mit aufgepflanztem Maschinengewehr im Rücken über eine holperige Schotterpiste, bis mir die Männer nach kurzer Fahrt erklären, dass ich jetzt in Sicherheit bin und allein weiterfahren kann. So ernst kann ich diesen Personenschutz nicht nehmen, aber nach einem Selfie verabschieden wir uns herzlich und ich weiß nicht, ob solche Aktionen das Sicherheitsgefühl wirklich nachhaltig stärken. Wie so häufig, führt mich mein Routenplaner über sehr schlechte Nebenstraßen. Entschädigt werde ich dafür mit freiem Blick auf den schneebedeckten Vulkan Iztaccihuati und gleich daneben liegt der aktivste Vulkan Mexikos, dem Popocatépetl, der auch gleich mit einer dicken Rauchwolke unter Beweis stellen musste, dass er sich noch nicht zur Ruhe gesetzt hat.
Links der Popocatépetl, der dichte Rauchwolken ausstößt, sich aber sonst friedlich zeigt
Ich reiße mich nicht unbedingt darum, mit dem Fahrrad durch Millionenstädte zu fahren, zumal die Städte in Mexiko nicht gerade für eine gute Fahrradinfrastruktur bekannt sind. Puebla ist die viertgrößte Stadt Mexikos und liegt bei der Einwohnerzahl irgendwo zwischen Hamburg und Berlin. Am ehesten ist die Stadt in Deutschland wohl deswegen ein Begriff, weil VW hier seit vielen Jahren einen Produktionsstandort hat und der letzte Käfer dort vom Band gerollt ist. Mich lockt allerdings nicht VW, sondern die Altstadt, in der es auf sieben Quadratkilometern 2619 denkmalgeschützte Häuser und allein 73 Kirchen gibt. Die erste positive Überraschung hält die Stadt aber mit einem außergewöhnlichen Radweg bereit. Hoch über dem Mittelstreifen einer der Einfallstraßen ins Zentrum gibt es einen hervorragenden, aufgestelzten Radweg mit markierten Richtungsfahrstreifen und komfortablen Rampen zum Auf- und Abfahren an den großen Verkehrsknoten – und alles für mich allein, denn ich treffen lediglich einen anderen Radfahrer! So komme ich einfach und sicher in die Altstadt, wo alle Straßen rechtwinklig angelegt sind und die Orientierung deswegen sehr leichtfällt.
Das haben wohl nicht einmal Kopenhagen oder Amsterdam zu bieten: Eine "Hochbahn" exklusiv für Radfahrer!
Einen Steinwurf vom Rathaus und der Kathedrale entfernt beziehe ich ein Quartier und bin begeistert von den vielen historischen Bauten mit den reich verzierten, bunten Fassaden, dem gepflegten Gesamteindruck und der entspannten Stimmung, egal wohin man kommt. Es gibt keine Chance, bei einer so kurzen Stippvisite alles zu sehen und so belasse ich es bei der Kathedrale, einer Führung im Rathaus, einem Besuch in der ältesten Bibliothek auf dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent und lasse ansonsten die Stadt auf mich wirken. Fast hätte ich eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt übersehen, die Capilla de Rosario – die Rosenkranzkapelle. Natürlich bin ich nicht in den 73 Kirchen gewesen und an dieser Kirche, die von außen recht unscheinbar ist, bin ich vorbeigegangen, ohne zu wissen, was sich darin verbirgt, denn ich einem Seitenflügen befindet sich die über und über vor Gold strotzende Barockkapelle. Bevor ich die Stadt verlasse, statte ich also dieser Kapelle noch schnell einen Besuch ab. Wobei schnell relativ ist, denn kurz bevor ich ankomme, hat ein Gottesdienst begonnen, englischsprachig, mit einer Besuchergruppe, die eigens aus den USA angereist ist, mit Abendmahl und allem Pipapo. So viel Zeit muss sein, ich habe das Ende abgewartet…
Noch etwas hatte ich auf meinem Weg in die Stadt übersehen. Ich war fast direkt an Cholula vorbeigekommen, wo sich die größte (nicht die höchste) Pyramide der Welt mit einer Seitenlänge von 430m befindet. Deswegen fahre ich noch einmal ein Stück zurück, um dann ein wenig enttäuscht vor diesem historischen Ort zu stehen, denn anders als die beeindruckenden Bauten in Teotihuacán ist diese Pyramide weitgehend überwachsen und nur zu geringen Teilen freigelegt und rekonstruiert, dass sie eher wie ein mit Sträuchern und Bäumen bewachsener Hügel gekrönt, mit einer katholischen Kirche, wirkt. Vielleicht habe ich ja auch das Beste verpasst, denn ins Innere der Pyramide bin danach nicht mehr gegangen.
Noch einmal geht es danach ein ganzes Stück bergauf, bevor ich das zentrale Hochland verlasse und quasi in die Ebene der Südostküste des Landes abstürze. Mit dem Pico de Orizaba lasse ich höchsten Berg Mexikos und dritthöchsten Nordamerikas (5636m) links liegen und erreiche von ca. 2700m Höhe kommend am Nachmittag die Ciudad Mendoza auf etwa 500m über dem Meer. Am nächsten Tag erreiche ich dann fast Meeresniveau und von jetzt an ist die Strecke nur noch flach. Dafür ist es wieder heiß und schwül und nach Monaten fahre ich gelegentlich sogar wieder einmal im Regen, den ich allerdings unterschätze, denn wegen der Wärme ziehe ich keinen Regenschutz über, werde kalt und hole mir prompt eine Erkältung weg. Gelegenheit, in Isla, umzingelt von Ananas- und Zuckerrohrplantagen, einen Pausentag einzulegen. Eine Ananas ist hier zwar eher teurer als bei uns, dafür ist das Aroma allerdings um ein Vielfaches besser! Besonders spannend ist die Fahrt durch diese Landschaft nicht und der Regen macht die kleinen Ortschaften auch nicht attraktiver, als sie es bei Trockenheit und Staub sind.
Mit der Fahrt aus dem zentralen Hochland ins Tiefland verändern sich Landschaft, Landwirtschaft und seit sehr langer Zeit sehe ich wieder wasserführende Flüsse in spektakulären Schluchten
Ich nehme einige Umwege in Kauf, um nicht über die matschigen Schotterpisten zu fahren und erreiche bei Coatzacoalcos die Küste des Golfs von Mexiko. Und ich erreiche hier nicht nur die Küste, sondern bin gleichzeitig an der schmalsten Stelle Mexikos zwischen Pazifik und dem Golf, dem Istmo de Tehuantepec, und damit jetzt „offziell“ d. h. geografisch korrekt in Mittelamerika angekommen. Ab jetzt dominieren Strände, Sümpfe und Lagunen das Bild – und die mexikanische Ölindustrie, die hier überall an Land und im Meer ihre Förderanlagen und gigantische Raffinerien betreibt, weswegen jetzt auch der LKW-Verkehr stark zunimmt. Auch wenn hier praktisch das Geld aus dem Boden gepumpt wird, sieht man es den Städten überhaupt nicht an und es gibt keinen Grund, sich her länger aufzuhalten.
Die üppige tropische Vegetation wuchert hier buchstäblich bis auf die Straße. Allerdings erlauben es die Sümpfe nicht, weiter in die Natur hineinzugehen, und ich sehe außer vielen bunten Vögeln und Rindern auf dem sumpfigen Weiden selten etwas von der Tierwelt – es sei denn, es liegt überfahren auf der Straße, wie einmal eine Riesenschlange, die einem auch die Lust nimmt, auf eigene Faust durch das Gebüsch zu streifen.
In La Venta liegt eine archäologische Stätte aus einer Zeit lange vor den Maya direkt an meinem Weg - irgendwie sehen die Figuren immer übellaunig aus
Landschaft und Küste sind in dieser Region absolut flach. Auf manchen Tagesetappen von 80 – 100km komme ich nicht einmal auf 50 Höhenmeter, was dann überwiegend an ein paar Brücken liegt. Die Küste selbst kann man über hunderte Kilometer wohl am besten mit der Kurischen Nehrung oder der Frischen Nehrung mit den dahinter liegenden Haffs an der Ostseeküste vergleichen kann – nur eben mit Lagungen, Palmen und Sümpfen. Auf einer dieser schmalen Landzungen, die teilweise nur 50 – 100 Meter breit ist, fahre ich von Coronel Andrés Sánchez Magellanes nach Paraíso. Sieht auf der Karte sehr reizvoll aus und ist laut Beschreibung sogar eine Asphaltpiste. Die Ortschaften an der Straße sind trotz Traumlage mit weißem Sandstrand sehr ärmlich und offenbar lebt man hier überwiegend vom Muschelfang (Austern) und der Kokosnussernte. Anfangs besteht die Straße noch aus schlechtem Asphalt, sodass die Fahrt eher einem Riesenslalom um die Schlaglöcher gleicht. Je schmaler der Dünenstreifen im Laufe des Vormittags wird, desto stärker nagt das Meer an der Piste. Erst ist er nur Sand, der die Straße eindeckt und ein Fahren fast unmöglich macht, dann ist aber die Straße immer wieder komplett weggerissen worden und es scheint, als ob es nur noch ein paar Tropenstürme braucht, um die Dünen zu den dahinter liegenden Lagunen zu durchbrechen. Es sieht so aus, als wäre meine Fahrt hier zu Ende und ich muss den Rückweg antreten. Dann überholt mich aber ein Taxi und setzt seine Fahrt unbeirrt fort – mitten durch den Palmenwald, wo eine Behelfspiste angelegt wurde – ausgelegt mit Palmwedeln und Kokosnussschalen, um nicht in Sand und Sumpf zu versinken. Ich habe fast schon nicht mehr damit gerechnet, aber wie geplant erreiche ich mein Ziel in Paraíso.
Danach werden die Straßenverhältnisse immer besser und ich fahre auf einer hervorragenden Bundesstraße direkt am Meer entlang. Ist auf die Dauer auch nicht besonders spannend. Offenbar haben sich hier auch viele Mexikaner mehr von der Lage zwischen Straße und Strand versprochen, denn es stehen viele zum Teil sehr schöne Anwesen leer und werden zum Verkauf angeboten oder verfallen einfach. Auf einem dieser Grundstücke mache ich meine Mittagspause und sitze auf einer Holztreppe im Schatten am Strand. Schon vorher hatte ich in den Felsen der Uferbefestigung große, grau-schwarze Echsen gesehen, die aber immer schnell verwanden, sobald ich mich näherte. Anders hier bei meiner Pause mit einem sehr übersichtlichen Imbiss. Ob es der Geruch von Obst und Schokomuffins ist, der die Tiere anlockt, kann ich nicht ergründen. Jedenfalls kommen mehrere Prachtexemplare fast bis auf Tuchfühlung heran und lassen sich in Ruhe fotografieren – und mit Schokomuffin füttern. Ich weiß, mann soll es nicht tun, aber was soll ich machen – Insekten habe ich nicht dabei…
Yucatán ist das historische Siedlungsgebiet der Maya und die es gibt immer mehr Siedlungsreste, je weiter ich mich Cancún nähere. Das Zeitpolster bis zu meiner Verabredung will ich nutzen, um einige dieser fantastischen Ruinen zu besichtigen. Der erste Abstecher führt mich nach Etzná in der Nähe von Campeche. Auf dem Weg dorthin komme ich 16km von den Ruinen entfernt an einem Bahnhof des Tren Maya vorbei. Es ist ein wenig skurril, diesen funkelnagelneuen, hochmodernen und gewienerten Bahnhof hier mitten zwischen die Maisfelder zu bauen. Aber so kommt man komfortabel zu den Sehenswürdigkeiten der Halbinsel - man muss nur jemanden finden, der einen vom Bahnhof abholt. In Etzná nehme ich mir diesmal einen Guide, der selbst ein halber Maya ist, und mir viele interessante Detail erläutert, die ich ohne ihn nie wahrgenommen hätte. Und anders als bei meinem Besuch in Teotihuacán ist es hier ein fast exklusives Erlebnis, denn es sind kaum andere Besucher da, die sich um den besten Platz für das Selfie drängeln und auch ohne einen einzigen Souvenirverkäufer. Campeche selbst mit seiner Mischung aus historischer Altstadt und moderner Hauptstadt des Bundesstaates kann mich dagegen nicht begeistern und ich mache mich auf den Weg zu den nächsten Ruinen.
Campeche ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates und ist bekannt für seine Altstadt mit der teilweise erhaltenen Stadtmauer. Auch wenn es eine der ältesten Städte hier am Golf ist und wie so viele andere UNESCO Weltkulturerbe, kann ich mich nicht so richtig für sie erwärmen. Dazu habe ich wohl inzwischen zu viele andere, beeindruckendere Städte hier in Mexiko besucht.
Wie schon erwähnt, liegen die Sehenswürdigkeiten hier direkt an meiner Route nach Cancún und je weiter ich mich dem touristischen Zentrum der Halbinseln nähere, desto weiter entferne ich mich von dem Mexiko, das ich in den letzten zwei Monaten kennengelernt habe. Die Straßen sind besser, alles ist ein bisschen mehr herausgeputzt und die Preise sind wohl eher für die Touristen aus Nordamerika und Europa als für die Mexikaner gemacht. Bisher lag der Standardpreis bei den archäologischen Stätten bei 100 Pesos - ca. 5 Euro. Der Besuch in Uxmal hielt da eine besondere Überraschung bereit: 1. Kasse: 100 Pesos, 2. Kasse: 481 Pesos. Es wurden auch beide Tickets separat kontrolliert - keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte und was ich wofür bezahlt habe. Gelohnt hat es sich allemal.
Es werden wohl noch einige interessante Orte folgen, und ich werde berichten...
Es sind noch ein paar Tage bis zu meinem Date in Cancún und die Strecke, die ich noch zu fahren habe, ist sehr überschaubar. Zeit, um noch kleine Extratouren zu unternehmen. Mérida ist die größte Stadt Yucatáns und vor hundert Jahren wohl auch die prächtigste, denn die Stadt, bzw. einige ihrer Bewohner sind mit dem Anbau von Agaven zur Herstellung von Sisalfaser für Seile reich geworden und haben in der Stadt – insbesondere in der Prachtstraße Paseo de Montejo – mit luxuriösen Villen ihren Reichtum zur Schau gestellt. Heute werden Seile aus Kunstfasern hergestellt und gibt es nur noch vereinzelt Agavenplantagen. Die alte Pracht ist aber geblieben.
Mérida wird wegen der vielen weißen Häuser auch die Ciudad Blanca, die weiße Stadt genannt. Ganz anders sieht es in Izamal aus. Hier sind (fast) alle Häuser gelb gestrichen. So auch der Convento de San Antonio, eine der größten und ältesten Klosteranlagen, die die Spanier in Mexiko errichtet habe. Und um es den Mayas gleich mal so richtig zu zeigen, hat man für den Klosterbau eine Pyramide abgetragen und auf und mit den Überresten das Kloster errichtet. Groß, aber nicht besonders prächtig, denn wie viele andere der alten Kirchen in der Region diente auch diese Anlage gleichzeitig der Verteidigung, was in meterdicken Wänden und fast vollständig fehlenden Fenstern zum Ausdruck kommt. Eine weitere Pyramide in der Stadt ist allerdings erhalten geblieben. Zu spät komme ich zum Haupteingang, der um 16.00 Uhr schließt. Aber wenn man einmal um den Häuserblock herumgeht, kann man ungehindert auf das Gelände und die Pyramide und spart auch noch den Eintritt. Nur von der Aussicht hatte ich mir mehr versprochen. In alle Richtungen blickt man über eine endlose, waldbedeckte Ebene.
Yucatán ist anders als das, was ich in den zurückliegenden Monaten von Mexiko gesehen habe. Die Halbinsel ist bretteben und gespickt mit Mayaruinen und Höhlen (Cenote) und an den Rändern gesäumt mit traumhaften Stränden. Dazu kommen noch zahlreiche Lagunen und Naturschutzgebiete, in denen sich das tropische Leben entfaltet. Die Strecken dazwischen sind lang, flach und langweilig, denn dadurch, dass man nie auf eine Anhöhe kommt, sieht man den ganzen Tag nichts anderes als das gerade Asphaltband vor einem und grüne Wände links und rechts davon. Spätestens, wenn man Cancún erreicht, ist man allerdings in die Touristenfalle getappt. Was sich hier auf der 20 km langen Landzunge, der Zona Hoteleria, und auf den Inseln in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, hat mit Mexiko absolut nichts mehr zu tun. Luxustourismus mit gigantischen Hotelanlagen und Shoppingmalls für zahlungskräftige Gäste aus Nordamerika und Europa – und für die sind auch die Preise gemacht. Außerhalb der Hotelkomplexe gibt es kaum noch Möglichkeiten, an den zugegebenermaßen wunderschönen Strand zu gelangen.
Für die drei Tage bis zu Susannes Ankunft habe ich mir eine günstige Unterkunft ein wenig abseits des Touristenrummels gesucht und nutze die Zeit, mich zu erholen, mich um eine Unterstellmöglichkeit für mein Rad für zwei Wochen zu kümmern und für Treffen mit anderen Radreisenden. Corine und Erwin hatte ich am Anfang meiner Tour im Yukon getroffen und sie sind zufällig am selben Tag wie ich in Cancún angekommen, allerdings mit dem Flugzeug aus den USA, wo sie eine große Runde gedreht haben und von hier aus nun auch in Richtung Zentralamerika fortsetzen. Und Maria aus Berlin, die hier starten will, hat keine 200m von meiner Bleibe Quartier bezogen und wir tauschen bei einem Frühstück Reiseerfahrungen aus.
Auch das ist Cancún: Abseits aller Touristenströme in einer Seitenstraße hat sich eine Großfamilie Coatis (Nasenbären) breit gemacht und lässt sich von Passanten sehr gern füttern
Drei Monate ist es her, dass Susanne und ich uns in Vancouver am Flughafen verabschiedet haben. Und jetzt liegen zwei Wochen Mexiko vor uns, ohne festen Plan, nur das Auto und die Unterkünfte für die ersten fünf Nächte in Cancún und Tulum sind gebucht. Mein Fahrrad lasse ich unter den Augen des Sicherheitspersonals und der Überwachungskameras im Parkhaus unseres Hotels am Yachthafen von Cancún. Die ersten Tage hier in Cancún sind zum Ankommen und ein bisschen zur Abschreckung. Auf dem Weg nach Tulum machen wir noch einen Abstecher in die Cenote Rio Secreto. Vor dem Einstieg in die Höhle wird geduscht. Dann wird man mit Neoprenanzug, Schwimmweste, Badeschuhen und Helm mit Stirnlampe ausgestatte. Alle persönlichen Sachen kommen ins Schließfach. Fotografieren ist nicht erlaubt. Für die passenden Fotos kommt extra ein Fotograf mit. Dann geht es in ein Höhlensystem, dass über 50km lang sein soll, wovon wir nur einen kleinen, aber sehr beeindruckenden Teil gesehen haben. Immer wieder geht es durchs Wasser und teilweise muss man schwimmen. Ganz Yucatán scheint durchlöchert zu sein, wie ein Schweizer Käse. Auf die Fotos verzichten wir nicht nur wegen der sehr bescheidenen Qualität, sondern auch wegen der unverschämten Preise.
In Tulum ist das Hotel eher ein Glamping mit vielen Angeboten zur Entspannung und Entschleunigung, die ich gern auslasse. Selbstverständlich hat Tulum auch eine vergleichsweise kleine Mayastätte, der Hauptgrund, warum wir hier etwas länger bleiben, ist allerdings das benachbarte Biosphärenreservat Sian Ka’an. Die Vorstellung, hier mit einem lokalen Guide in den Dschungel Wanderungen zu unternehmen, begraben wir allerdings ganz schnell. Alles ist hier fest in der Hand von Tourenveranstaltern, deren Preisgestaltung sehr speziell ist. Wir buchen eine ganztägige Tour und werden in einem kleinen Boot in die Lagunen und Mangroven des Schutzgebietes gebracht. Zwei Manatees (Seekühe) sind das absolute Highlight des Ausflugs. Aber auch Delfine, die um die Boote kreisen, eine Meeresschildkröte und zahlreiche Wasservögel, von denen die balzenden Fregattvögel und einen rosa Löffelreiher die Stars sind, bekommen wir zu sehen. Aber auch Delfine, die um die Boote kreisen, eine Meeresschildkröte und zahlreiche Wasservögel, von denen die balzenden Fregattvögel und einen rosa Löffelreiher die absoluten Stars sind, bekommen wir zu sehen. Nur das Schnorchel am Riff fällt buchstäblich ins Wasser, weil die See angeblich dafür zu rau ist, und so bleibt es bei einem kurzen Bad im glasklaren Wasser auf einer Sandbank.
Der nächste Stopp ist in Valladolid. Die Stadt liegt sehr zentral zwischen den Orten an der Küste und zahlreichen berühmten Mayastädten. Auf dem Weg dorthin besuchen wir Coba, eine sehr weitläufige Ausgrabungsstätte mitten im Wald und einige der Bauten sind auch nicht rekonstruiert und von Urwald überwuchert. Unser Timing ist nicht das Beste, denn man darf keine der Pyramiden besteigen, die höchste hat allerdings eine nagelneue Holztreppe, die wenige Tage später für das Publikum freigegeben wird. Auch in Chichen Itza darf man auch keine Ruinen besteigen, aber auch von unten sind sie spektakulär und wohl die Bekanntesten von ganz Mexiko. Mit einem Guide kann man sich der Kultur und der Bedeutung vieler Details ein kleines Stück nähern.
Wie immer gibt es nicht nur Kultur, sondern auch ein bisschen Natur, in diesem Fall ein Affentheater
Valladolid hat allerdings auch noch eine unerfreuliche Überraschung für uns parat. Eigentlich wollen wir nur in einer Panaderia etwas einkaufen. Bei der Rückkehr zu unserem Wagen hängt ein Strafzettel über 280 Pesos (ca. 14 Euro) für Falschparken an der Scheibe. Auch im Nachhinein weiß ich nicht, wie ich hier ein Parkverbot erkennen sollte. Eine Verkehrspolizistin gibt mir nur die Adresse der Dienststelle, wo ich das Bußgeld bezahlen soll. Auf dem Weg dorthin spekuliere ich noch, wie ernst es die mexikanische Polizei wohl mit der Durchsetzung der Strafe bei einem Mietwagen nimmt. In der Polizeiwache, die ich nur allein und ohne Handy betreten darf, beläuft sich das Bußgeld dann auf 339 Pesos. Natürlich kommen zu den 280 Pesos noch Steuern hinzu. Und dann wird mir auch klar, wie ernst man es hier mit der Durchsetzung nimmt: Ich bekomme das vordere Kennzeichen zurück, das abgeschraubt worden war, was ich noch nicht bemerkt hatte. Sehr effektiv!
Sie gehören wohl mit zu den Highlights der Maya-Stätten in Mexiko: die Ruinen von Chichén Itza
Über Mérida geht es weiter an die Küste nach Celestún, wo eine ganze Flotte wartet, um Touristen in die Lagunen und Mangroven zu bringen, um Flamingos zu beobachten. Die eigentlichen Stars warten allerdings bereits vor dem Anleger auf uns: Eine Horde Wäschbären hat dort ihr Revier und jede Scheu vor Menschen abgelegt und nimmt auch gern direkten Kontakt auf, wenn man ihnen eine Banane anbietet. Flamingos gab es auch, allerdings haben wir auch die schon vor dem Start am Straßenrand näher und besser zu sehen bekommen. Dafür gab es aber unterwegs zusätzlich Krokodile und eine Fahrt mitten durch einen natürlichen Tunnel in den Mangroven.
Einen schier endlosen, fast menschenleeren Strand finden wir in El Cuyo, ein kleiner Ort, abseits der Touristenströme. Vorbei an Las Coloradas, einer riesigen Saline, in der jährlich eine Million Tonnen Meersalz gewonnen werden, in der die Becken mit der höchsten Salzkonzentration in einem satten Pink in der Sonne leuchten, erreichen wir unser Ziel auf einer abenteuerlichen, 30km langen Sandpiste, von der wir nicht wissen, ob wir irgendwo steckenbleiben oder vor einer Absperrung stehen und den Rückweg antreten müssen. Alles geht gut, und entschädigt werden wir mit dem Anblick von hunderten Flamingos und anderen Wasservögel in der Saline und den Lagunen. Noch ein bisschen mehr Natur gibt es dann im Biosphärenreservat San Miguel in der Nähe von El Cuyo, wo und unser Guide Jesus mit viel Leidenschaft und Sachverstand bei einer kleinen Kajaktour in den Sonnenuntergang die Tierwelt zeigt und von dem Projekt zum Schutz der Jaguare berichtet, von denen es in der Gegend mehr als 20 Exemplare gibt, die aber so gut wie nie von Menschen beobachtet, sondern nur von Wildkameras aufgenommen werden.
El Cuyo: Viel Streetart, ein langer, menschenleerer Sandstrand und auf dem Weg dorthin die bunten Salinen Las Coloradas
Noch einmal geht es mit einem Besuch in der Cenote Zazil Tunich in die Unterwelt von Yucatán, wo wir nach einer kurzen Führung die Höhle für uns ganz allein haben. Zum Abschluss gab es dann auch noch ein bisschen Maya-Folklore.
In Tulum endete dann unsere gemeinsame Zeit in Mexiko. Kurz vor Weihnachten habe wir uns voneinander am Flughafen verabschiedet. Ist schon ein komisches Gefühl, Weihnachten allein irgendwo hier in Mittelamerika zu verbringen, auch wenn ich eher der Grinch bin, und mir Weihnachten und das ganze Drumherum nicht viel bedeutet.
Mein Fahrrad habe ich nach zwei Wochen Abstinenz wieder aus dem Hotelparkhaus abgeholt und mich am nächsten Tag auf den Weg nach Belize gemacht. Noch einmal drei Tage Mexiko und dann stehe ich vor dem Grenzübergang und verlasse nach drei Monaten dieses Land, das kulturell, landschaftlich und von der Natur so viel zu bieten hat, dass man auch in drei Monaten und 5400km nur einen begrenzten Eindruck mitnehmen kann. Ich war nie in Gefahr, die Menschen waren sehr freundlich und hilfsbereit und auch im Straßenverkehr wurde sehr viel Rücksicht genommen. Nichtsdestotrotz hat dieses Land erhebliche Probleme mit den Drogenkartellen, was einem täglich durch die schwerbewaffneten Polizei- und Militärpatrouillen verdeutlicht wird.
Hasta luego México!!!
Ich wünsche allen ein frohes Weihnachtsfest!